Ein bisschen Erdbeere, Granatapfel und grüner Apfel im Gaumen. Salzwasser in der Nase. Wind und Regen im Haar. Sand und Kiesel unter den Zehen. Nicht statisch. Nicht schwer. Sondern beweglich, salzig, vibrierend. Und dennoch sanft im Gemüt.
Sanftheit. Portugal ist ganz sanft zu mir. Zu allem was sich gerade mit bewegt. Ganz sanft auf den Wellen schwimmend anstatt dagegen anzusteuern. Die Wellen spürend, schmeckend aber nicht erklärend. Die Wellen Wellen sein lassen. Mich fließen lassen mit jedem Tag. Mich zweifeln und tanzen lassen. Mich erschöpfen und strahlen lassen voll Energie. Mich fühlen lassen in Leere und tiefster Genügsamkeit die erfüllt.
Bewegend. Laufen entlang der Klippen mit Gegenwind. Am Rande des tosenden Meeres. Zwischen grünen und blauen Wellen. Radeln entlang der grünen Hügel, durch welche man einige Höhenmeter in den Beinen sammelt. Paddeln und tauchen durch die Wellen des Meeres. Manchmal wild und manchmal seicht. Aber immer in Bewegung.
Ein Land wo Grün von Sanddünen abgelöst wird. Wo sich hügelige Heidelandschaften vor den Sanddünen ausbreiten. Wo Straßen an atemberaubenden Klippen enden. Wo die Mauern weiß gemalt werden und die Türrahmen in Blau. Wo die Wellen jeden Tag eine andere Macht haben. Seicht in der Sonne. Wuchtig und wild im Wind. Wenn nur ein Paddelschlag und die Balance den Unterschied zwischen Untergehen und Freiheitsgefühl macht. Es riecht nach Fisch, lauer Sommernacht, Salz in der Luft, Regen und Sonnencreme.
An Orten wo man anzukommen glaubt. Wo die Energie stockt und man durchatmen kann. Die Welt um sich herum einem anderen Kosmos gleicht. Die Kultur herzlich offen und doch für sich geblieben.
Die kleinen Dörfer so unterschiedlich. Manche trumpfen mit einem unerwarteten Dorfkern. Pflastersteine. Blaue Mosaikfassaden. Ein Brunnen und ein modernes Restaurant mit großen Fenstergläsern.
Surfer Towns, die ähnlich sein sollten, unterscheiden sich in Größe, Anzahl an Cafés, Anzahl an Küstenstränden. Manche Orte ein bisschen mehr Hipster und international bleibt die Zeit ein wenig stehen. Macht Lust auf das Digital-Nomad-Leben. Jeden Tag eine andere Option für die Wellenreiter. Wohnmobile reihen sich an der Straße. VW und Mercedes Busse auf den Strandparkplätzen. Alle haben dennoch etwas gemeinsam. Tropfende Neoprenanzüge über dem Außenspiegel. Neben nassen Haaren die blau-weiße Sonnencreme im Gesicht oder die langen blonden Haare. Manchmal mit, meistens ohne Hund. Und eine Gemeinschaft, die einen eigenen Kommunikationskodex trägt.
Rucksäcke wandern die Küste entlang. In verschiedenster Konstellation. Alle mit einem ähnlichen Ziel. Tag für Tag an den Stränden und Klippen entlang.
Die Küstendörfer klein und überschaubar. Von der Rauheit der Natur geformt. Die typisch portugiesischen Dörfer am Atlantik eher ruhig, einfach. Ein Espresso mit Pastel de Nata immer solide gut zu bekommen, neben den Petiscos. Die Hülle der Pastels bricht knusprig. Die Creme darunter warm, ein Hauch Zimt der auf der Zunge schmilzt. Salziger Fisch dazu, ein Schluck Vinho Verde. Und plötzlich schmeckt das Salzwasser auf der Haut mit. Grüner Apfel, mineralisch, erfrischend. Süße und Salzigkeit fließen ineinander wie eine Melodie ohne Pause.
Sagres, wo die Straße aufhört und das Meer anfängt. Wo der Leuchtturm am äußersten Punkt steht als hätte ihn jemand hingestellt um zu markieren. Und man schaut trotzdem weiter über das geformte Ende des Kontinents. Der Wind am Cabo de São Vicente nimmt keine Rücksicht. Klippen fallen senkrecht ins Meer. Das Wasser darunter bricht in einen Schwall aus Grün und Weiß. Man steht am westlichsten Punkt Europas und spürt wie der Kontinent hinter einem liegt. Peniche dagegen auf einer Halbinsel liegend. Umgeben von sich türmenden Stein- und Klippenformen, die ins Meer ragen als hätte sie sich entschieden selbst eine Insel zu werden.
Ein Glas Wein in einer Holzkiste thronend auf der Mauer am Meeresrand. Die goldene Sonne spiegelt sich darin bevor sie sich in einem Lila über die dunklen Wellen am Horizont senkt. Das Buch liegt aufgeschlagen auf den Knien. Die Heckklappe steht offen. Der Sonnenuntergang zieht durchs Bild. Imsouane hatte das auch. Nur mit einem atlantischeren, kühleren, direkteren Licht.
Regen an den großen Fensterscheiben einer Taverne in Ericeira. Draußen die Gasse, das Kopfsteinpflaster glänzt. Der Orangewein im Glas hat dieselbe Farbe wie das Licht das durch das nasse Glas fällt. Tokarczuk aufgeschlagen auf dem Tisch, die Seiten warten. Am nächsten Morgen ist die Scheibe trocken und die Küste wieder hell als wäre nichts gewesen.
Stille dazwischen. Die Straße die weiterführt wenn die Wellen hinter einem verschwinden. Oliven und Olivenöl als kontinuierliche Begleiter durch die Wochen, doch überall ein wenig anders als zuvor.
Anstatt Olivenbäume säumen Pinienwälder die Straßenränder. Eine Allee der besonderen Art, wo der helle Lichtkegel am Horizont wie Scheinwerfer in den Himmel leuchtet. Der Wind hat seine Wucht in manchen Ecken sichtbar gemacht. Wo früher Bäume standen ist nur noch Erde. Und dann aus dem Nichts Eukalyptusplantagen bei Alhais. Unerwartet. Überraschend. Wie die Offroad-Straße die hinführte. Eine verlassene Trasse, alte Schilder, Schlaglöcher, als hätte die Zeit hier einfach aufgehört weiterzumachen.
Europäisch angehaucht in den Städten, wo Mosaikplatten die Hausfassaden zieren. Der Bahnhof in Lissabon öffnet sich am Ende der Halle aufs Wasser. Man steht drinnen und schaut durch den Bogen auf den Tejo und dahinter nichts mehr. Der Marmorboden führt einen hinaus. Bougainvillea fällt über Mauern. Lissabon durchlaufend ohne Plan. Den Tejo entlang, wo das Licht auf dem Wasser härter ist als an der Küste. Sanft dafür im Untergang. Hoch durch die Gassen bis der Blick über die Dächer streift. Weinbars mit Holz und getäfelten Wänden deren Gemütlichkeit nach außen strahlt. Freunde die nebeneinander sitzen ohne sich zu kennen. Pflastersteine. Panaderien deren Auslagen süß riechen und nicht warten lassen. Belém fühlt sich an wie das Ende der Stadt. Weiß und Gelb, alte Hotelarchitektur, Stellen die an die Zwanziger erinnern. Die kühl moderne LX Factory irgendwo dazwischen. Moderne, die sich nicht entschuldigen muss. Die einfach existiert. Eine Stadt mit wechselnden Kulturen an jeder Ecke.
Porto dagegen ein modernisiertes Fischerdorf. Kleine leicht schräg gereihte Häuser neben neuer Architektur. Fußgängerzonen mit Bars und Restaurants die in der eigenen Erkenntnis leben. Moderne trifft auf traditionelle Tavernen. Cafés, die in jede Metropole passen mit Sauerteigbrot und Specialty Coffee. Zwischen Naturwein, Craft Beer und traditionellen Weinbars. Zwischen urigen Buchläden und kreativen Keramikshops. Zwischen Leinen und Samt. Am Flussufer reihen sich die Touristen. Manche kommen nur für den Wein, andere bestaunen den blau gekachelten Bahnhof.
Bei beiden Städten könnte man stundenlang durch die Viertel laufen. Jede Straße ein wenig anders. Jede Kurve ein neuer Gedanke. Getaucht in ein Leben das mit einer überschwappenden Leichtigkeit getragen wird.
Brechende Wellen an der Klippe. Das Zupfen der Gitarrensaiten irgendwo in einer Gasse. Es ertönt das Klippern von Geschirr im Café nebenan. Man läuft daran vorbei und bleibt kurz stehen ohne es zu wollen. Baustelle nebenan, Schleifen, Hämmern, der Geruch nach etwas neu Entstehendem. Die Tram die vorbeirattert. Weniger Hupen als erwartet. Der Süden ruhiger. In den Städten Playlists der Achtziger aus einer Bar, Touristenstimmen, dann wieder nur Wind.
Kleine Fischhäppchen, Bacalhau, Tintenfisch und Sardinen in jeder Taverne. Neben Vinho Verde, Orangewein und Rotwein aus der Douro-Region. Die Leidenschaft für das eigene Land an jeder Ecke zu spüren. Der Unterschied zwischen obrigado und obrigada erst nach ein paar Tagen im Land zu verstehen. Einer der Gründe länger zu bleiben als gedacht.
Ein Land das lange nachwirkt. Im Unbewussten berührt. Eine Leidenschaft die die Rauheit der Klippen und die mineralische Note im Gaumen aufweicht. Mit einer Sanftheit die bleibt. Süß und tief wie ein Portwein.
































