Ein Sommerabend am Landwehrkanal. Die Beine baumelten über der Wasserkante, hinter mir wurde irgendwo gelacht, das Licht lag schräg auf dem Wasser. Aus den Kopfhörern klang „Just Like Honey“, und die Gitarren legten sich über den Kanal wie ein zweites Licht. Ich war glücklich. Und im selben Moment wusste ich, dass ich diesen Abend vermissen würde. Nicht später. Jetzt. Während er passierte, vermisste ich ihn schon.
Ich hatte kein Wort dafür.
Das Wort fand mich Jahre später. Nicht in einem Wörterbuch, dort steht es bis heute nicht. In einer Playlist. Benedikt Wells hat sie beim Schreiben von Hard Land gehört und ihr einen Namen gegeben, den es vorher nicht gab. Euphancholie. Das Wort gehört ihm. Das Gefühl gehörte mir schon vorher. Es hat sich eingenistet, wie sich manche Sätze einnisten, ohne zu fragen.
Es ist nicht Melancholie. Die ist schwer und schaut zurück. Es ist nicht Euphorie. Die schaut nicht, sie rennt. Es ist das Dazwischen, das beide Richtungen gleichzeitig kennt und trotzdem stehen bleibt.
Andere Sprachen sind näher dran. Das Portugiesische hat Saudade. Das Japanische hat Mono no aware, die leise Ergriffenheit darüber, dass die Dinge vergehen und gerade darin schön sind. Das Deutsche hatte lange nur Patina. Kupfer, das grün wird. Silber, das matt wird. Schönheit und Vergänglichkeit in einer einzigen Oberfläche. Ein verwandtes Wort, aber eines für Gegenstände. Für den Zustand fehlte eines.
Euphancholie ist, ein Buch nicht zu Ende lesen zu wollen, weil danach etwas aufhört. Ein Fest, das noch läuft, und der Gedanke, wie der Raum gleich aussehen wird, wenn die Gläser leer sind. Die Umarmung, von der man schon währenddessen weiß, dass sie die letzte ist. Ein Abschied am Flughafen, bei dem Aufbruch und Verlust dieselbe Rolltreppe nehmen. Das Gold der Septembersonne, das man halten möchte, während es verschwindet. Ein Konzert, das ohne Schlussakkord endet, sodass niemand zu klatschen wagt und die Stille im Saal stehen bleibt.
Und manchmal ist Euphancholie eine Stadt. Man läuft durch die Straßen und sucht etwas. Keinen Menschen, das begreift man erst spät. Ein Gefühl, das an den Orten hängen geblieben ist. An einer Bank, an einem Café, an einem Spiegelbild in der Tram. Man sucht das High eines Moments, der vergangen ist, und findet die Spur, die er hinterlassen hat. Die Spur ist beides. Beweis, dass es war. Beweis, dass es nicht mehr ist.
Ich schrieb einen Satz in mein Büchlein. „Eine Freude und ein Schmerz im gleichen Atemzug. Gleichzeitig und vollständig.“
Lange habe ich das für eine Fehlkonstruktion gehalten. Warum kann ich nicht einfach genießen, ohne das Ende schon zu spüren. Es war die falsche Frage.
Die meisten wählen. Entweder sie fühlen die Freude und blenden das Ende aus. Oder sie spüren das Ende so stark, dass die Freude kleiner wird. Euphancholie ist, beides zu tun. Gleichzeitig. Vollständig. Das Schöne halten und das Wissen um sein Ende dazu, ohne dass das eine das andere kleiner macht.
Eine Fähigkeit anstatt ein Problem, das gelöst werden will. Eher ein Betriebssystem. Die Frage ist nicht mehr, warum ich so fühle. Die Frage ist, was man von hier aus sieht, das andere nicht sehen.
In der Mitte sitzt ein Kapitel, das so heißt wie dieses Wort. Es erklärt es nicht. Es versucht, es zu sein.
Neulich saß ich wieder am Kanal. Aus den Kopfhörern klangen andere Lieder als damals.