Der Duft, der blieb

Sie liefen über die Brücke. Sie hatten es nicht eilig. Es ging mehr um die Wege selbst. Es ging mehr um die Wege selbst. Um das, was sie aneinanderreihen, was sie verbinden, ohne sich zu erklären. Nur gehen, im eigenen Tempo, das sich keiner Uhr fügte, keiner Richtung, keinem konkreten Ziel.

So stand sie inmitten der Stadt. Eine alte Kuppel hinter verglasten Türmen, die sich am Ende der Brücke erhob. Schwer und hell zugleich. Moderne Stege über altem Wasser. Ein Schatten, der ihr vorauslief und sich auf den hellen Platten verlor.

Sie hielt die Orte nicht ab. Sie nahm sie auf. Die Backsteinfassaden, aneinandergereiht, mit Schornsteinen, die noch aussahen wie alte Fabriken und längst keine mehr waren. Weiße Nobelhäuser, gesäumt von Nationalflaggen, die im Wind ein wenig schwer hingen. Boote, die sich in der Strömung verloren, je weiter der Fluss sie trug. Kuppeln von Opernhäusern und Theatern, die am Ende der Straßen hervorlugten, als wollten sie sich nicht ganz zeigen. Romantik zwischen Moderne und Neogotik. Glockenspiele, die spielerisch durch die Gassen klangen, hell und fröhlich wie ihre Stimmung.

Einkaufspassagen mit teuren Läden, die hell zum Eintreten einluden und es doch nicht ernst meinten. Schuhe der unterschiedlichsten Art liefen auf den Gehwegen entlang. Flache und hohe Lederschuhe, Stiefel, die das Pflaster küssten. Parfümerien, die teuer rochen, schon von der Straße aus. Und dann roch sie ihn.

Auf der Rolltreppe hinab in die Tube. Ein Fremder, der an ihr vorbeiglitt, in die andere Richtung getragen. Er wandte sich schnell ab. Verschwand im Strom der anderen, aber die Erinnerung blieb noch auf dem Weg zwischen ihnen hängen, dort, wo sich ihre Bahnen für einen Moment gekreuzt hatten. Sie versuchte, sich auf die Reklamebilder zu konzentrieren, auf die grellen Versprechen an den gekachelten Wänden. Doch das Gesicht ließ sich nicht verschwinden. Nicht seins, das des Fremden. Ein anderes. Das, an das der Duft sie erinnerte.

Oben öffnete sich das Ende der Rolltreppe ins Licht. Die Stadt nahm sie zurück, unberührt von ihren Gedanken. Menschen strömten an ihr vorbei, jeder in seine eigene Geschichte vertieft, und keiner ahnte, dass sie gerade jemanden gesehen hatte, der gar nicht da war. So ist diese Stadt. Sie lässt einen verschwinden und gibt einem im selben Moment das Gefühl, der einzige Mensch in ihr zu sein.

Die belebten Pubs brachten die Abwechslung. Bierdunst, altes Holz, das Lachen, das aus Türen auf die Gehwege quoll. Für einen Moment war sie wieder nur hier.

Aber die Gerüche schieben sich vor alles andere. Sie erwecken etwas, das man nicht gerufen hat. Sie erinnern an Heimat. An vergangene Herzensstiche. An viel zu dominante Parfümauftritte, die einen Raum besetzen, bevor ein Mensch ihn überhaupt betritt. Ein Duft genügt, und eine ganze Zeit kehrt zurück, ungefragt, vollständig, mit allem, was man längst abgelegt zu haben glaubte.

Vor ihr löste sich das Ufer auf, verschwand in Bildern der Erinnerung, während das London Eye im Hintergrund langsam in der Sonne glänzte. Tage zwischen Tee und kleinen Lädchen und Fahrradtouren. Tage, die sie nun schon vermisste.

Sie ging weiter, ohne Ziel, im eigenen Tempo. Vielleicht ist es das, was eine Stadt mit einem macht. Sie gibt einem nicht, was man sucht, sondern das, was man ohnehin schon in sich trägt. Ein Duft auf einer Rolltreppe, und man weiß wieder, wer man einmal war, wen man einmal hielt, wie nah und fern beides im selben Atemzug sein kann.

Der Fremde war längst weg. Der Duft verflog. Aber die Erinnerung blieb.

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Bis der Klang sich verliert

Ich kann schwer sagen, wann ich gern höre. Es hat jedes Mal eine Einzigartigkeit und ist an den Moment gebunden, daran, wie er einen abholt, welche Klänge man wahrnimmt, ob man sich treiben lässt. So fing auch dieser Abend an, mit einem Ankommen, das zunächst kein Bild zuließ.

Montgomery, Starburst. Ein Abholen aus den Gedanken, direkt in der Höhe. Die Streicher kommen, fordern Präsenz, nicht zwingend, eher holend. Lauter kleine Bewegungen, Staccato, das eine Spannung schafft und sich fließend wieder löst, um sich später wiederzufinden, zwischen dem Gleiten der übrigen Streicher. Ein Wegrennen und Fliehen, gefolgt von einer Umarmung. Distanz und Nähe streifen sich immerzu. Drei Minuten, in denen das Licht auseinanderbricht und sich zerstreut, und ich noch kein Bild halten kann, nur sein Tempo.

Dann Brahms, und mit ihm die romantische Illusion, in die man gleiten darf, in einer Ruhe. Ein frisches Weidefeld. Vom Tau genässte Grashalme. Eine Sonne, die langsam über dem Fluss aufsteigt. Ein Flussreiher spannt die Flügel und fliegt los, die Füße noch spurenweise im Wasser, sodass sich Kreise auf der Oberfläche bilden. Blätter, die im Wind wehen. Viel Zartheit. Die Oboen sind die großen gleitenden Vögel, die Klarinette etwas Hüpfendes, Helles, die Querflöte kleine Vögel, die sich von den Ästen erheben. Im zweiten Satz bekommt nicht die Solovioline die schönste Linie, sondern die Oboe, und ich höre, ohne es zu wissen, genau auf die Stelle, über die man seit hundertfünfzig Jahren spricht. Eine zarte Herbststimmung mit Tönen des Frühlingserwachens. Es überrascht mich, wie gut mir das gefällt.

Holst, und plötzlich das Pompöse. Die Trompeten bringen etwas Filmisches herein, etwas Königliches, etwas Witz. Ich muss an John Williams denken, an das Fantastische der Filmwelt, und liege damit nicht falsch, denn von hier hat das Kino seine Drohung und seinen Glanz. Crescendo und Staccato im Wechsel, aber fließend ineinander, das Ablösen der Crescendi nicht kantig, sondern rund. Ein gespannter dramaturgischer Bogen, kurzer Atem und lange Klänge. Königlich ist der eine Satz, witzig der schnelle Bote, und über allem die Frage, wie laut ein Einzelner aus dem Ganzen heraustreten darf.

Und dann Neptun, der das Versprechen jedes Schlusses bricht. Es endet, ist aber nicht leer. Lässt kein Bild zu. Ist nur da, um zu verschwinden, langsam, sich auflösend. Kein Tuch, kein Hauch, ein Zurückziehen. Vielleicht eine leichte Nebelschwade, aber die würde den Klängen nicht gerecht. Davor ein Glitzern, wie in Kinderaugen, die neugierig in eine Kiste blicken. Eine tiefe Spannung, aufgelöst im Sanftmut, wie eine Mutter, die durch die Tür tritt und beruhigt. Wie das Augenreiben, das bei zu festem Reiben in das kippt, was ich als Kind mein großes blau graues Glitzergeschenk nannte. Dann treibt es davon, Stück für Stück. Holst lässt die Frauenstimmen hinter der Bühne so lange singen, bis der Klang sich in der Ferne verliert. Es gibt keinen Schlussakkord, auf den man klatschen könnte. Also klatscht niemand. Eine Stille, die kein Zuschauer zu brechen vermochte. Eine Irritation. Eine Ruhe. Eine Faszination für das Geschaffene, aufgelöst in der Stille und in der Emotion, die die Stimmen erweckten.

Erst danach verstehe ich, warum gerade dieses Ende mich genommen hat. Den ganzen Abend habe ich auf die Instrumente gehört, die klingen wie ein Mensch, der spricht. Oboe, Horn, Cello, die Wärme, das Erdende, das Ruhestiftende, das gleitet. Ich habe selbst immer gern gesungen, im Chor, und trotzdem nie gewusst, dass die Stimme meine Mitte ist. Holst beendet den Abend nicht, er nimmt ihn weg, und was bleibt, sind Stimmen, die verschwinden. Das eine Stück, das mir kein Bild gibt, gibt mir das Bild von mir selbst. Ich kann noch immer schwer sagen, wann ich gern höre. Aber ich weiß jetzt, worauf.

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Orte des Echos

Ein Ort ist nie nur ein Ort. Ein Echo von Stimmen, die dort gelacht haben. Die Summe der Augenpaare, die sich über Tische hinweg begegnet sind. Die Karte all dessen, was zwischen Menschen entstehen kann, wenn sie sich Zeit geben.

Eine Region. Viele Gesichter. Jedes einzelne eine Prägung. Es beginnt mit einem Glas, das sich vermehrt in der schmelzenden Zeit, und das ist gut so. Das Verwandeln in das Schallende – wie sich ein Lachen in viele verwandelt, wie es sich ausbreitet, durch den Raum tanzt, an Wänden abprallt und wiederkommt. 

Ein Lächeln gegenüber vom Tisch. Eines, das auch in den Augen wohnt. Diese Art von Lächeln, die man nicht vortäuschen kann. Die Nähe braucht. Die Wahrheit braucht. Die lange Nächte braucht und das Gefühl, dass Zeit hier anders vergeht – langsamer, dichter, voller.

Städte leben von Erfahrungen. Von Beziehungen. Von den Gesprächen, die man führt, während man durch enge Gassen läuft. Von den Fragen, die viele Antworten ersuchen und keine finden. Von dem Suchen, das sich nicht findet und gerade deshalb kostbar ist. 

Ein Gedanke, der inspiriert. Ein Umland, das bereichert. Ein Mosaik aus Momenten, die sich nicht planen lassen.

Du standest da. Ich stand dort. Zwischen uns der Raum, der plötzlich schwer wurde, dicht. Ein Augenblick. Ein tiefer Augenblick. Sekunden, in denen man mehr versteht als in tausend Worten. Eine Umarmung. Ein Gefühl, das größer ist als der Körper, der es trägt. Eine Nähe, die sich in zwei Distanzen teilt. Die Wahrheit aller Begegnungen teilt sich immer in Nähe und Abstand. Mosaike, die sich berühren und gleichzeitig getrennt bleiben. Umarmungen, die das Wissen tragen, dass wir loslassen werden. 

Manchmal sind es diese Beziehungen, die einen daran erinnern, dass jedes Möbelstück einen Ursprung hat und eine Geschichte erzählt. Dass jedes an der Wand hängende Bild eine Geschichte zu erzählen weiß. 

Das Schimmern der Straßenlaterne auf dem Asphalt. Das Licht, das uns zusammenhält für einen Moment, bevor wir weitergehen. Weitergehen oder vielmehr zurück gehen. Wohin. Zu welchem Zeitpunkt.

Vielleicht ist das die Frage, die eine Region in uns einbrennt. Ob wir zurückkehren können. Ob der Ort uns wiedererkennt. Ob die Menschen noch da sind. Ob das Lachen noch schallt. Ob alles noch im Blick durch eine spiegelende Sonnenbrille noch genauso schimmert. 

Vielleicht geht es aber nicht ums Zurückgehen. Vielleicht geht es darum, dass wir den Ort mitnehmen. Dass er in uns weiterlebt. Dass die Prägung bleibt – in der Art, wie wir lachen, wie wir lieben, wie wir Distanz und Nähe halten.

Eine Region. Viele Gesichter. Einige Augenpaare. Einige Wahrheiten. Einige Aussprachen. Vieles Kennenlernen. Eine Prägung.

Und am Ende: ein Schimmern auf dem Asphalt, das uns zeigt, dass Licht und Dunkelheit zusammengehören. Dass Begegnungen uns formen, auch wenn sie vergehen.

Dass wir nie wirklich zurückgehen können. Aber dass wir das Lachen mit uns tragen. Manchmal weiß man genau was man fühlt und kann trotzdem nicht dagegen wirken

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Zwischen Sturm und Loslassen

Ein Blick von oben, der auf Ordnung, Ruhe und Klarheit schaut. Fast elegant. Lichter, Bewegungen, Menschen im Strom ihrer Aufgaben. Ein Strom , der sich ganz natürlich fügt.

Doch hinter den weißen Bürowänden pulsiert es. Ein Pulsieren das mit Zuversicht beginnt. Mit einem tiefen Atemzug vor dem ersten Anstieg. Listen werden erstellt, Deadlines geschärft, Verantwortlichkeiten verteilt. Ein Lächeln huscht über die meisten Gesichter. Getragen von Glauben an Struktur, ans Team. An sich selbst.

Mit dem Strom der Zeit treibt man näher.

Die Tage dehnen sich, verlieren ihre Ränder. Der Morgen verschwimmt die Ränder des Abends. Das Licht draußen wird nicht mehr wahrnehmbar. Der Feierabend unwichtig. Kaffee wird zum Ritual ohne Wirkung. Anfragen fliegen durch den Raum wie aufgescheuchte Vögel. Ein „Nein“ fällt schneller, als es gemeint ist. Nicht aus Widerstand, sondern aus dem Versuch, Grenzen zu schützen, die längst brüchig geworden sind. Grenzen, die eine Grauzone mit verschwommenen Rändern zulassen.

Ein Gleiten zwischen Zuversicht und Zweifel ohne klaren Schnitt.

Zwischen Teamgeist und Schuldzuweisungen auf anderen Ebenen. Ein leises Ziehen des Zusammenhalts. Ein Suchen nach Erklärungen im Außen. Zwischen Verantwortung, die man nicht steuern kann und tropfweisen Zweifeln. Tropfen, die leise in die Stille drängen, nicht hörbar um sie auszusprechen. Tropfen, die spürbar werden. 

Tropfen, die auf Emotionen treffen. Emotionen, die weiße Wände ausfüllen. Sie legen sich auf Schultern, in Stimmen, in Pausen zwischen zwei Sätzen. Ein Tag, der alle Emotionen durchlebt und in einer resignierten Müdigkeit endet. Explosive Momente der Freude gefolgt von denen der Verzweiflung. Eine Achterbahnfahrt, die sich wellenartig bewegt. Wenn sich strahlende Gesichter Woche für Woche in leerere und müdere Blicke verwandeln. Man erkennt die Grenzen anderer an einem flüchtigen Blick. Möchte schützen, abfedern, stabilisieren. Und weiß doch, dass nicht jede Welle gebrochen werden kann. 

Stressresistenz zeigt sich nicht in Lautstärke, sondern in Präsenz. In Humor, der genau im richtigen Moment aufblitzt. In Blicken, die gesehen werden. Mitten im Druck entsteht etwas Kraftvolles. Ein weiblicher Zusammenhalt, der Stärke lebt. Freundlichkeit bleibt Haltung, selbst wenn der Ton rauer wird. Ruhe wird zu Widerstand. Empathie wird zu gefühlter Struktur.

Die in Blätter getauchten Wände verwandeln sich in einen Safe Space. Sie halten Tränen aus. Sie tragen schallendes Lachen. Sie speichern jedes Durchatmen nach einer überstandenen Welle.

Der Zusammenhalt wird enger. Intensiver. Fast zärtlich in seiner Klarheit. Man bestärkt sich gegenseitig nicht mit großen Worten, sondern mit kleinen Gesten. Ein Nicken. Ein Lächeln. Eine Hand auf der Schulter. Ein stilles Verständnis.

Und in einem Moment ebbt alles ab.

Kein Applaus, der alles trägt. Kein überwältigender Stolz. Stattdessen Leere. Und Erleichterung.

Erleichterung, bestimmte Kämpfe nicht mehr führen zu müssen. Sich der Schwere bestimmter Dynamiken nicht mehr unterordnen zu müssen. Nicht mehr gegen unsichtbare Mauern anstehen zu müssen. Zu wissen, dass Gegenhalten nicht immer Prozesse stärkt, sondern oftmals Energie verbraucht. Dass Würde manchmal im Aushalten liegt, und im gleichermaßen rechtzeitigen Loslassen.

Zurück bleibt das Wissen, gewachsen zu sein.
Nicht unversehrt. Aber aufrechter. Man startet mit Zuversicht.

Man endet im Zweifel.

Und trägt dennoch diese leise Gewissheit in sich, dass es richtig war. Dass man den Anstieg, die Wellen, die abrupten Abfahrten nicht umsonst gefahren ist.

Vom Balkon aus betrachtet wirkt wieder alles ruhsam in der Freude und Zufriedenheit.
Doch man weiß, wie sehr es pulsiert hat.

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Zwischen den Jahren

Die frostbelegten Straßen sind stiller geworden. In den Fenstern der Stadt glimmt noch das Nachweihnachtslicht. Kerzen flimmern noch auf Stabskerzen in den Wohnzimmern. Die Stadt liegt still unter dem winterlichen Himmel. Die Tram fährt mit den wohlbekannten knatternden Klängen los. Ein Schimmern des nassen Teers von den blauen Lichtern und Farben. Es hallt das Intro von U2’s „The One“ entgegen und man überlegt sich Geschichten zu den vorbeilaufenden Personen. Wie jede diese Weihnachtszeit verbracht und gefühlt hat. Sind es tiefe Atemzüge oder vielmehr ein flüchtiger Atem in der kalten Luft. Mit einer Tasse Tee zwischen den Händen blicke ich vom Balkon und spüre ich diese ganz eigene Zeit zwischen den Jahren. Das Weihnachtsgefühl liegt noch in der Luft, eine leise Wärme, die sich mit der Melancholie des Abschieds mischt – vom alten Jahr, von den Orten, von Momenten, die vorbeigezogen sind, wie ein Zug, den man gerade verpasst. Aber diese Zwischenzeit hat etwas Beruhigendes: Sie erlaubt Nachdenklichkeit, kleine Rückblicke, Atempausen zwischen der Intensität der Welt und der leisen Erwartung auf das, was kommen wird. Eine Zwischenzeit, in der alles nachklingt und gleichzeitig die ungeschriebenen Tage vor mir leise flüstern. Ein Raum zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht.  Zwischen Nachklang und Erwartung.

Die Zeit in der Weihnachtsfilme leicht naiv und beschönigend die Welt und Liebe dargestellen. Die einladen in eine tiefe emotionale Stimmung zu tauchen. Wenig hinterfragend. Sich einfach gleiten und eindecken lassen in das wohlige Gefühl an kalten dunklen Tagen. Nicht hinterfragend, wie viele Personen gleichzeitig versuchen die Realität für ein paar Stunden zu vergessen. Abzutauchen in eine Traumvorstellung umrahmt von grünen Hügeln, kleinen englischen Cottages oder von den nassen Straßen Londons. Wenn Probleme am Ende gelöst erscheinen. Wenn der nächste Tag nicht zählt, sondern nur die präsenten Momente. Und sie drehen sich um, nur um zu erkennen, dass der morgige Tag vor der Tür steht. Ein langer Atemzug, der den Moment voll auskosten soll und das Stehenbleiben anregt.

Dieses Jahr war ein langer Atemzug, getragen von der Welt und ihren Stimmen. Ein Jahr das Grenzen testete, Beziehungen neu bewertete. Ein Jahr zwischen Bewegung, Reflexion, und Innehalten. Vor allem begleitet von einem Nach-Innen-Hören. Ein Blick nach Innen gespiegelt vom Außen. Ein Jahr das Energie kostete und dennoch viel Energie spendete. Eine endlose Landkarte aus Begegnungen, Landschaften und Momenten, die sich tief eingeprägt haben. Starbucks Arbeitsdresscode in Washington DC voller geschichtlicher Straßen, alt bekannte Gesichter und Geschichten in New York – wo die Entfernung zwischen Menschen plötzlich vertraut wurde. Die vielen Farben Mexiko-Stadts, die smaragdgrüne Pazifikküste, die geheimnisvollen Tiefen von Chiapas, Südtirol auf zwei Rädern, die Weite der Atlantikküste von Biarritz bis San Sebastián, die stille und dennoch energieziehende Wüste von Al Ula, Gespräche in Athen, Sonne tankend in Johannesburg und Kapstadt, und bewegend zwischen Berlin und München. Jeder Ort ein eigener Puls, ein eigener Rhythmus. Mal wild, mal still, mal berauschend, mal erschöpfend. Und überall waren Menschen, flüchtig oder intensiv, deren Lachen und Gespräche in Gedanken nachhallen, kleine Funken, die alles leichter machen, auch wenn man längst weitergezogen ist. Manchmal flüchtig, manchmal tief wie alte Flüsse. Gespräche, die Gedanken in neue Richtungen lenken, stille Momente, die nach innen führen.

Jede Reise, jede Stadt, jeder Mensch hat Energie gegeben und genommen, hat mich gelehrt, aufmerksam zu sein, das Tempo zu fühlen, die Balance zwischen Staunen und Müdigkeit zu finden. Und nun, zwischen den Jahren, scheint all das gleichzeitig nah und fern: Erinnerungen glimmen im Kopf wie kleine Lichter, während die Stille draußen sich ausbreitet und alles andere in den Hintergrund tritt. Es fühlt sich alles gleichzeitig vergangen und möglich an. Die Welt fließt draußen weiter. 

Und so atme ich die Mischung aus Dankbarkeit, Melancholie, und Vorfreude ein, während die Welt draußen weiterschläft. Das Licht der Straßenlaternen, das auf den Himmel trifft, um zwischen den Jahren noch einmal aufzublitzen, um dann langsam in das neue Jahr überzugehen. Reich an Begegnungen, Gedanken und Momenten, die bleiben, so wie dieses stille Glimmen, das in der Zwischenzeit noch lange nachklingt. Die Lichter der Stadt, die Dächer, die kahlen Bäume – alles wirkt wie ein zögerndes Versprechen, dass noch etwas wartet, noch etwas kommen wird. Und in dieser Zwischenzeit ist Platz für Nachdenklichkeit, für leise Dankbarkeit, für Sehnsucht nach Orten und Momenten, die bleiben, selbst wenn man schon weitergezogen ist. Ein Licht, das noch lange glimmt, wenn die Welt draußen schon schläft.

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The Distance That Knew Us

The time I spent in New York brought memories flooding back—of who I was, who I am, and what I still hope for in life and love. I wandered the city with no set destination, letting it guide me. People passed, coffee in hand, impatient with the slow walkers blocking their path. I paced down Broadway, flustered by the chaos on Fifth Avenue and the Brooklyn Bridge, but found peace in my runs through Central Park. I noticed the ones playing pickleball midday, felt misplaced in Flushing and Harlem, and still, the diversity and energy of each district amazed me. It was my third time here—and some neighborhoods, I could now imagine calling home.

I consumed it all: the ring of the bagel shop door, the scent of fresh flowers, weed on the corners, the soft hum of park conversations. The wine was tangy and slightly sweet; the fruity IPA refreshing. The melted cheese on a veggie burger—exactly as indulgent as it should be.

I remembered my ginger beer phase, root beer floats, and Culver’s ice cream runs. The kitchen back then smelled like oatmeal and cinnamon bagels—nothing beat that. In school, we lined up for whole wheat sandwiches and blueberry muffins, and I finished all the algebra problems, not knowing “odd” didn’t mean all. The house was filled with classical music and black-and-white films. That music stayed with me, a soundtrack to late-night study sessions and exam mornings. I thought of the delicious teas from the organic store, fresh fruits and vegetables, and the nutty hazelnut note in every cup of coffee.

I saw Madea for the first time in theater club. Later, Macbeth stunned me in a Minnesota auditorium. I waited for bears—foolishly—in a cabin in Canada, no water, no electricity. I played soccer nearly every day, watched show choir in awe, only ever making crew. Seven months that felt like years. Moments that shaped me. The people I met—full of laughter and light. I started my first blog, Radieschen in Amerika, and posted weekly until life pulled me in.

There were photoshoots downtown, hours spent in basements, mac and cheese nights, s’mores by the fire, prom, and graduation.

This trip reminded me of the power of time and distance—and how easily both can collapse. We caught up in a few days, and it felt like being 16 again: goofy, sentimental, heartwarming. They’ve built lives now, each of them. And while I’m still in motion—between places, dreams, and cities—I feel grounded in who I am and what I want.

I may never say it aloud, but I’m proud of the person I’ve become. More than that, I’m proud of them—of the lives they’ve built, the paths they’ve chosen.

Maybe this is what’s left between us. La Crosse on our minds and the distance that still knew and will know us.

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Großstadtflimmern in der Betonpoesie

Berlin pulsiert – nicht laut, sondern stetig. Zwischen Beton und Geschichte wanderten wir durch Schichten der Zeit. Kaffee am Morgen wurde zu Galerien am Nachmittag, zu Gesprächen im Dunkeln, irgendwo zwischen Späti-Licht und Straßenbahnschatten. Das Herz der Stadt, das ganz unterschiedlich pocht. In neu gegründeten Cafés, in urigen und modernen Bars, in innovativen Restaurant Konzepten.

Der Puls für jeden an einer anderen Ecke. Ein Puls, der für mich in Kreuzberg immer am meisten pochte. Unterschiede bei Tag und Nacht. Parks und Umschlagsstellen die man nachts zu meiden versucht. Pils von Fass bei Punkrock, Aperol in der Sonne mit Mandelcroissants. Ecken voller Magie, schönen hölzernen Buch- und Weinläden. Antiquariate zwischen Kaffeeröstereien und Hausfassaden in Barockstil. Das Ufer des Landwehrkanals das sich mit Leben und Stimmen füllt. Markplätze mit Gemüse und Delikatessen sowie türkischen Spezialitäten. Und irgendwo immer umringt von Wasser oder Grünstreifen begleitet von dem rhythmischen Klacken der Fahrradkette.

Aus meinen Kopfhörern dröhnte Just Like Honey – ganz im Einklang mit der Playlist Euphancholie. Dieses sentimentale, melancholische, aber lebensbejahende Gefühl überkam mich wieder. Noch beim Roten Rathaus auf die U-Bahn wartend, war ich gedanklich längst zurück in der Torstraße.

Bierreiche Abende endeten in nächtlichen Spaziergängen. Gespräche über das Sein, über Sinn und Unsinn, flackerten zwischen Laternenlicht und vorbei ziehenden Taxis. Blicke wurden getauscht – solche, die mehr sagten als Worte, die Emotionen und Gefühle weckten. Personen, die aus sorglosen Momenten es immer schaffen mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Eine Nachbarschaft, die gleichzeitig Ruhe finden lässt. Ein kleines weißes Yogastudio inmitten der Stadt, fast unauffällig, aber voller Ruhe. Fenster, die im Winter Einblick geben in das Leben der Kreativen und der Erfolgreichen. Eine Straße, aufgeladen mit Erinnerungen.

Ein Autor, seine Worte, eine passende Playlist. Highway Patrol Stun Gun – kaum ein Lied, das so viel ausdrückt wie das, was ich vor zwei Jahren in Berlin erleben durfte. Benedict Wells und Musik – ein Gefühl, ein Rückblick, ein Herzschlag.

Und meine Gedanken enden irgendwo zwischen dem Frankfurter Tor und der Grünberger Straße. Dort, wo das Leben selbst an Donnerstagen vibriert, während München sich bereits zur Nachtruhe bettet. Dort wo graue Spaziergänge in bunte Farben getaucht wurden. Wo um jede Ecke etwas Überraschendes auf einen lauert. Ein Gefühl von der Freiheit sich jeden Tag neu zu erfinden. Irgendwo zwischen Leichtigkeit und Anstrengung. Zwischen dem Neuerfinden und dem Sicht-finden-wollen.

Nicht jede Stadt lädt zum Fühlen ein – Berlin verlangt es. Und wir lassen es zu.

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Sommergefühle

Wir liegen auf den Sommerwiesen und lassen das Gras unsere Füße kitzeln.

Wir lassen Eiswürfel auf unseren Zungen schmelzen.

Wir lassen das Weinglas am Abend durch lange Unterhaltungen warm werden.

Wir lassen die Sonne unsere Lippen austrocknen und Sommersprossen ins Gesicht zaubern.

Wir lassen die Wellen unsere Zehen kühlen.

Wir lassen den Wind unsere Haarsträhnen verwehen.

Wir lassen die rosaroten Blumen in unserer Vase kräftig blühen.

Wir lassen unsere Räder über den heißen Asphalt rollen.

Wir lassen die schmelzende Eiscreme auf unsere Füße tropfen.

Wir fangen den Geruch von Sonnencreme ein.

Wir trotzen der Hitze mit langen Umarmungen.

Wir laufen durch den Sommerregen und atmen die frische Luft ein.

Wir spritzen uns das Wasser der Seen ins Gesicht.

Wir rennen barfuß durchs Gras bis die Kieselsteine uns zu sehr stechen.

Wir hauchen den Hinterhöfen Lachen ein bei einem der unzähligen Nächte auf dem Balkon.

Wir lauschen dem Zwitschern der Vögel am Morgen.

Und freuen uns auf den Beginn eines neuen Tages.

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Nächtliches Tanzen

Manchmal fühlt man sich falsch im Sein. Und manchmal genau richtig da wo man ist. Manchmal scheinen die Zeiten befreiend und manchmal belastend. Zu gewissen Zeitpunkten wünscht man sich die Zeit zurück drehen zu können. Zu anderen, die derzeitige Zeit und das Sein zu ändern.

Man fühlt. Fühlt im Herz und in der Seele. Andere schwärmen von der Stadt und man selbst kann es nicht fühlen. Und plötzlich brach der graue Horizont auf und ließ das Blau hinein. Ein Blau der Hoffnung und Realisierung. Irgendwo kann man immer im Salsa Takt schwingen. Im Takt der Leichtigkeit.

Wir realisieren die schmerzen der Welt, aber können dies nur mit einem verzeihenden Herz und stärkenden Worten sowie Gedanken verkraften. Mögen wir diese Kräfte und Balance dieses Jahr finden.

Night out.

Mit pochedem Herzen füllten sich ihre Lungen mit Luft. Sie versuchte ihren Atem wieder zu verlangsamen. Erst machte sich Erleichterung in ihr breit. Dann wich sie den Tausenden Gedanken, die in ihrem Kopf herumgeisterten. Ohne Ordnung und so irrelevant, dass sie sie elementar wirkten. Vorfreude oder Angst. Draußen im tiefen See der Geselligkeit und des Gefallenwollens. Einer Welt der Scheinbarkeit und Illusion. Durch ihre Ohren klangen Mar Malde.

Sie blickte aus dem Fenster und die Aufschrift „celebrate“ stach ihr ins Auge. Celebrate on your own. In Berlin komfortabel tanzend in den Clubs. Aber in einer gefühlten traditionellen Kleinstadt? Andere Gewässer. Andere Gefühle. Und schon bildete sich die nächste Herausforderung heraus.

Welch Freude, sich immer wieder den eigenen Komfortzonen entgegenzustellen. Ihr Lebenslauf lies es erahnen, dass sie gerne ihre Komfortzone verlässt. In manchen Situationen supereinfach in anderen, ohne es zugeben zu wollen, doch komplizierter als gedacht.

Schwitzend aneinanderklebend bei Latino-Sounds. Sie mit seinem Bein zwischen den ihren. Wie sind sie nochmals in diesem Schuppen mit der drehenden Discokugel an der Decke gekommen? Es fiel ihr schwer, sich zu erinnern.

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An einem Sonntag im Februar …

Es ist Sonntag und ich strecke meine nackten Zehen in die Sonnenstrahlen. Seit Wochen mal wieder ein Tag an dem es sich lohnt einen Balkon zu haben. Welche Ironie das doch ist, dass ich Montagnacht noch an der Spree entlanglief und die tanzenden Schneeflocken im Licht der Straßenlaternen beobachtete und durch den knirschenden Schnee stapfte mit der Gewissheit, dass das vermutlich der letzte Schnee des Jahres sein wird. Seit Freitag haben wir seit Wochen mal wieder Plusgrade. So begeistert ich von den gefrorenen Seen und Flüssen in den letzten Wochen war, so begeistert bin ich wiederum von dem kommenden Frühling. Die Leute treibt es raus trotz Corona. Die Zahlen steigen wieder. Ein auf und ab. Man spaziert die Straßen entlang und durch die Parks mit gesenktem Blick. Versucht allen aus dem Weg zu gehen. Man distanziert sich von der Gesellschaft von der Nähe zu Fremden. Nur die eigenen Freunde lässt man nah an sich heran. Unten beobachte ich zwei Kinder, die auf kleinen Fahrrädern den Weg entlanggurken. Die ersten Fahrversuche ohne Stützräder.

Distanz ist vermutlich das Wort des Jahres. Von hier oben lässt sich das Treiben von Menschen in dem kleinen Park unseres Innenhofes stundenlang beobachten. Schreie, Gespräche und die konstanten Schläge des Fußballs gegen das Gitter vom kleinen Sportplatz neben an spiegelt die Leichtlebigkeit des Frühlings wider. Erst wenn die Sonne untergegangen ist verschlägt es alle wieder in die Häuser, aber bis dahin muss man die Sonnenstrahlen auf der Haut ausnutzen und sich wärmen lassen.

Ich lerne Berlin von einer ganz anderen Seite kennen. Keine Touristen, die am Checkpoint Charlie versuchen das perfekte Bild einzufangen. Keine Partyleichen, die am Sonntag mit Sonnenbrille durch die Gegend tigern und versuchen den Weg nach Hause zu finden. Viele Menschen, die am Wochenende die Parks und grünen Flecken der Stadt für einen Spaziergang aufsuchen. Gerade am Wochenende treibt es mich nach draußen. Berlin ist umgeben von vielen Seen. Einer ganz anders als der andere. Und von Wäldern, hier Forste genannt, in denen vor allem in der jetzigen Zeit die Vögel munter zwitschern und die Spechte klopfen. Erst dann merkt man wie der Straßenlärm zum täglichen Begleiter wird sodass man ihn fast gar nicht mehr wahrnimmt. In der Stille des Waldes lässt sich daher wunderbar innehalten und Ruhe finden. Entlang der Waldwege die Woche reflektieren und den Gedanken freien Lauf lassen. Man erspürt eine Freiheit, die unglaubliche Weite des Waldes. Und dennoch nicht finster oder erdrückend. Es sind zwar 30 Minuten Fahrt, aber das Naturerlebnis macht diesen Zeitaufwand wieder wett.

Wenn in der Heimat die Welt still zu stehen scheint gibt es hier täglich Neues zu beobachten und erleben. Es ist viel Leben und Bewegung, von Demonstrationen zu lauten Feuerwehrwägen. Ich genieße es derzeit immer neue Ecken Berlins zu entdecken bei Spaziergängen durch die Stadt. Viele kleine Kieze, die eine andere Atmosphäre widerspiegeln. Die Architektur der Gebäude und Häuser ändert sich kontinuierlich und bringt viel Abwechslung. Vermutlich einer der Vorteile zwischen den Kiezen und ziemlich mittig zu wohnen. Man kann flexibel andere Wege einschlagen und erkunden ohne sich erstmal in die Bahn setzten zu müssen. Am Landwehrkanal die aufsteigende Sonne des Morgens beobachten und den schwimmenden Schwänen zuschauen; die beleuchteten Gebäude im Barockstil entlang der Museumsinsel bestaunen, die ein vergangenes Zeitalter widerspiegeln; das Regierungsviertel am Rande der Spree zu umrunden und sich die politischen Ereignisse wieder vor Augen zu führen; und nicht zuletzt durch den Tiergarten zu joggen entlang von kleinen Flüssen und Seen an der Siegessäule, dem Schloss Charlottenburg und dem Gropiusbau vorbei. Sightseeing auf dem Weg zum Büro über den Gendarmenmarkt, vorbei an den schön dekorierten Schaufenstern der Nobelläden in der Friedrichstraße. Ja auch Berlin hat seine Vorzüge. Und irgendwie fühlt es sich mittlerweile fast wie Heimat an, wenn ich den Potsdamer Platz passiere und den Fernsehturm erblicke.

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