Wann haben wir aufgehört zu leben?
Es ist kurz nach Mitternacht. Die Stadt draußen läuft im gewohnten Takt. Schlagzeilen auf den Displays, ungelesene Mails im Postfach, Erwartungen im Kopf. Und plötzlich stehst du da, tanzt vor dem Spiegel und fragst dich: Wann haben wir eigentlich aufgehört zu leben?
Ein Strahlen. Ein Lächeln und die Welt grinst zurück. Tanzend durch die Straßen und die Delis der Stadt.
Warum leben wir nicht mehr.
Warum dominieren uns die negativen Schlagzeilen.
Warum lassen wir uns von Postfächern aus der Ruhe bringen.
Warum müssen wir diplomatisch Konflikte lösen.
Warum bewegen wir uns nicht aus unserem eigenen Kasten heraus.
Warum verurteilen wir andere.
Warum vergleichen wir uns mit anderen.
Warum fällt es uns so schwer eine eine „I don’t give a fuck“-Einstellung zu leben.“
Warum leben wir nicht in der Freiheit, die wir haben.
Warum sind nur 2% der Gründerinnen erfolgreich.
Warum sind wir nicht stolz auf was wir erreicht haben.
Warum reden wir über Midlife-Crisis anstatt uns wirklich neu zu erfinden.
Warum hängen wir alten Texten nach.
Warum können wir nicht abschließen.
Warum können wir nicht auf drei Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
Warum schränken wir uns ein, weil es von uns erwartet wird.
Warum übernehmen wir Erwartungen anderer die nie an uns gestellt wurden.
Warum verurteilen wir einen lustigen Abend der zu lange ging.
Warum schauen wir andere kritisch an, wenn sie aus dem Raster fallen.
Warum verlernen wir uns selbst zu fühlen.
Warum leben wir nicht einfach?
Fragen, die hüpfen. Fragen, weil die Angst vor dem Urteil anderer oft lauter ist als der eigene Herzschlag. Fragen an die Gespenster der eigenen Vergangenheit. Fragen, ohne der Freiheit ins Auge zu blicken.
Freiheit beginnt genau in dem Moment, in dem man aufhört um Erlaubnis zu bitten.
Ich schreibe. Zeilen einer neuen Geschichte. Lösche alte Texte, tanze in Präsenz und glänze im neuen Kleid. Die Postfächer bleiben unbeantwortet. Und lebe einfach.
Nicht irgendwann. Heute.
Euphancholie
Ein Sommerabend am Landwehrkanal. Die Beine baumelten über der Wasserkante, hinter mir wurde irgendwo gelacht, das Licht lag schräg auf dem Wasser. Aus den Kopfhörern klang „Just Like Honey“, und die Gitarren legten sich über den Kanal wie ein zweites Licht. Ich war glücklich. Und im selben Moment wusste ich, dass ich diesen Abend vermissen würde. Nicht später. Jetzt. Während er passierte, vermisste ich ihn schon.
Ich hatte kein Wort dafür.
Das Wort fand mich Jahre später. Nicht in einem Wörterbuch, dort steht es bis heute nicht. In einer Playlist. Benedict Wells hat sie beim Schreiben von Hard Land gehört und ihr einen Namen gegeben, den es vorher nicht gab. Euphancholie. Das Wort gehört ihm. Das Gefühl gehörte mir schon vorher. Es hat sich eingenistet, wie sich manche Sätze einnisten, ohne zu fragen.
Es ist nicht Melancholie. Die ist schwer und schaut zurück. Es ist nicht Euphorie. Die schaut nicht, sie rennt. Es ist das Dazwischen, das beide Richtungen gleichzeitig kennt und trotzdem stehen bleibt.
Andere Sprachen sind näher dran. Das Portugiesische hat Saudade. Das Japanische hat Mono no aware, die leise Ergriffenheit darüber, dass die Dinge vergehen und gerade darin schön sind. Das Deutsche hatte lange nur Patina. Kupfer, das grün wird. Silber, das matt wird. Schönheit und Vergänglichkeit in einer einzigen Oberfläche. Ein verwandtes Wort, aber eines für Gegenstände. Für den Zustand fehlte eines.
Euphancholie ist, ein Buch nicht zu Ende lesen zu wollen, weil danach etwas aufhört. Ein Fest, das noch läuft, und der Gedanke, wie der Raum gleich aussehen wird, wenn die Gläser leer sind. Die Umarmung, von der man schon währenddessen weiß, dass sie die letzte ist. Ein Abschied am Flughafen, bei dem Aufbruch und Verlust dieselbe Rolltreppe nehmen. Das Gold der Septembersonne, das man halten möchte, während es verschwindet. Ein Konzert, das ohne Schlussakkord endet, sodass niemand zu klatschen wagt und die Stille im Saal stehen bleibt.
Und manchmal ist Euphancholie eine Stadt. Man läuft durch die Straßen und sucht etwas. Keinen Menschen, das begreift man erst spät. Ein Gefühl, das an den Orten hängen geblieben ist. An einer Bank, an einem Café, an einem Spiegelbild in der Tram. Man sucht das High eines Moments, der vergangen ist, und findet die Spur, die er hinterlassen hat. Die Spur ist beides. Beweis, dass es war. Beweis, dass es nicht mehr ist.
Ich schrieb einen Satz in mein Büchlein. „Eine Freude und ein Schmerz im gleichen Atemzug. Gleichzeitig und vollständig.“
Lange habe ich das für eine Fehlkonstruktion gehalten. Warum kann ich nicht einfach genießen, ohne das Ende schon zu spüren. Es war die falsche Frage.
Die meisten wählen. Entweder sie fühlen die Freude und blenden das Ende aus. Oder sie spüren das Ende so stark, dass die Freude kleiner wird. Euphancholie ist, beides zu tun. Gleichzeitig. Vollständig. Das Schöne halten und das Wissen um sein Ende dazu, ohne dass das eine das andere kleiner macht.
Eine Fähigkeit anstatt ein Problem, das gelöst werden will. Eher ein Betriebssystem. Die Frage ist nicht mehr, warum ich so fühle. Die Frage ist, was man von hier aus sieht, das andere nicht sehen.
In der Mitte sitzt ein Kapitel, das so heißt wie dieses Wort. Es erklärt es nicht. Es versucht, es zu sein.
Neulich saß ich wieder am Kanal. Aus den Kopfhörern klangen andere Lieder als damals.
Vom Wenn. Vom Schweben. Zum Sein.
Was würde passieren, wenn ich dich einfach vergessen würde. Wenn ich das Meer sein lassen würde. Die Tiefe in eine Oberflächlichkeit verwandelte.
Was wäre, wenn ich ohne dich nach vorne blicke. Dich sein lasse. Dein Leben gestalten lasse, ohne Anteil daran zu nehmen.
Was wäre, wenn ich die Emotionen ignoriere. Die Leichtigkeit mit dir verliere.
Was wäre, wenn ich aufhöre durch dich an mich zu glauben.
Was wäre, wenn ich den Tag ohne dein Lächeln starten würde.
Was wäre, wenn ich die Welt ohne deinen Blick weiter entdecke.
Was wäre, wenn ich an dir vorbei gehe, anstatt auf dich zu zu gehen.
Was wäre, wenn ich der Welt eine Farbe geben würde, die du nicht siehst.
Was wäre, wenn die Zeit schneller rinnen würde.
Was wäre, wenn ich blind für die Wahrheit bleiben würde.
Was wäre, wenn der Schwebezustand plötzlich enden würde.
Was wäre, wenn du mich nicht mehr erkennen könntest.
Was wäre, wenn ich die Worte wieder finden würde, um das uns zu beschreiben.
Was wäre, wenn sich das leere Blatt ohne dich füllt.
Was wäre, wenn ich aufblicken würde und die Weite des Meeres erkenne.
Was wäre, wenn das Salz auf der Wange süß schmecken würde.
Was wäre, wenn das Wenn nicht wäre und das Sein dominierte.
Und vielleicht ist das Meer nicht das Loslassen und nicht das Halten.
Vielleicht ist es das Wissen, dass Salz auf der Wange beides gleichzeitig schmeckt. Nach dir und nach mir und nach den Wellen, die uns tragen, auch wenn wir aufgehört haben zu schwimmen.
Und vielleicht füllt sich das Blatt nicht ohne mich. Vielleicht füllt es sich mit etwas, das ich noch nicht kenne, das aber schon in den Zeilen wartet.
Zwischen dem Wenn und dem Sein, dort wo das Salz seinen Geschmack wechselt
Manche Verbindungen
Sitzend auf der Feuertreppe, und doch nicht erreichbar.
Distanz in der zuvor gespürten Nähe. Manche Verbindungen existieren im Zwischenraum. Nicht im Hier. Nicht im Dort. Nicht in der Beziehung. Nicht im Mehr. Ein Raum ohne Wände, der trotzdem Form hat. Eine verzerrte Form, die man versucht zu greifen und in einen Rahmen zu gießen. Einen Rahmen der nicht zu sehen ist. Nur zu erahnen. Irgendwo in der eigenen Intuition fühlbar. Zwischen Haut und Herz.
Man lernt den Raum langsam kennen. Zu spüren. Wie er sich anfühlt in der Nähe ohne zu sein. Wie die Stille lauter werden kann als die Nachricht selbst. Wie man aufhört die Initiativen zu zählen, weil das Zählen das Gefühl klein macht. Klein im Kern der Gefühle. Wie ein Schriftzug, der mit der Intimität kleiner wird. Mit der Ernsthaftigkeit und Wahrheit schrumpft. Nicht wegen inkorrekter Wahrnehmungen, sondern durch den sinkenden Glauben an sich selbst. Der Raum, der unwillkürlich zu schrumpfen beginnt mit jeder tickenden Stunde.
Und man lässt ihn schrumpfen. Weil das Benennen ihn kleiner macht als das Schweigen.
Es gibt Momente die sich einschreiben ohne zu fragen. Ein Abend, ein Lachen, ein Text der zu spät kam oder zu früh. Fragen die keine Antwort suchen. Nur Raum. Ein Raum in der Schwebe. Zwischen Vermutung, Anmut und Emotion.
Und dann die Irritation. Nicht als Vorwurf. Nicht in der Lautstärke. Eher wie ein Temperaturwechsel den man im Körper spürt bevor der Himmel sich dreht. Ein vertrautes Muster das an Komplexität gewinnt. Das seine Form verändert. Im langsamen Verschieben der Eckpfeiler. Wie eine Melodie, die falsche Töne trägt, obwohl man sie im Kopf auswendig abspielen kann. Kaum hörbar. Man sucht nach dem Moment zu erlauschen, wo der Ton kippte. Dreht Momente der Erinnerung um wie Muscheln am Strand. Die Muschelformen, die nicht eindeutig sind. Nicht vollständig. Nicht von Schönheit getragen. Abgetragen vom Meer an den Enden. Die Wellen, die darüber gleiten. Sanft, aber abtragend. Die Muscheln, die von Zacken geprägt sind. Die Muscheln, die weiß leuchten in der Vollständigkeit. Die Muscheln mit grünem Saum – gesäumt von vergagenem. Jede Muschel eigen auf die eigebe Weise. Kantig und gleichermaßen abgerundet. Aber alle geerdet im Sand. Tiefliegend, um den Umtreibungen gegen stehen zu können. In der Sanftmut und Ruhe.
Stille die dort wächst, wo zuvor Worte füllten. Und die Frage ob die Stille schon immer da war. Nur überhört.
Vielleicht ist Irritation die ehrlichste Emotion. Sie entsteht nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern aus der Präsenz. Mit allen Sinnen, bekannten Tönen und Formen anwesend sein im Hier — nicht im Zwischenraum. Die anderen gehen einfach weiter.
Draußen zieht die Stadt vorbei. Das bekannte Bild. Gleichgültig, lebendig, ohne Rücksicht auf innere Temperaturwechsel. Menschen die in eine gewissenhafte Richtung streben. Schritte, die einen Rhythmus kennen. Irgendwo Musik aus einem geöffneten Fenster. Der Klang zu kurz, um die Melodie zu erkennen. Nur der Nachklang bleibt.
So auch das hier. Nur der Nachklang. Der Nachklang einer längeren Unterhaltung, die im Leben der Stadt versandet.
Dem Nachklang folgt das Leben. Wie zuvor, als ob keine Töne geklungen hätten. Als ob keine Stille geherrscht hätte. So fremd wie die Gesichter der Straßen der Stadt.
Manche Verbindungen enden nicht. Sie hören einfach auf anzufangen.