Hier ist alles etwas weiter angelegt. Etwas breiter. Die Haare wehten im Wind, während die Sonne meine Arme wärmten. Außen das Rauschen der großen Seen. Innen brummte die Klimaanlage, und es roch nach Haselnusskaffee. Eine Röstung, die sich wie Zuhause anfühlt und Erinnerungen von La Crosse zurückbrachte.
Drei Wochen. Vier Städte. Ein Kontinent, der sich nicht beeilt.
New York
Morgens der Geruch nach Zimt und Oatmeal. Zwischendurch der Gestank der regen Stadt und trotzdem ein ruhiger Klang. Ich lauschte dem Rattern der 7, die über mich hinwegfuhr, dem Quietschen an der Kurve, das durch den Boden ging. Später stieg ich ein und blickte in die Spiegelung in den Glasfassaden der Hochhäuser. Ein grauer Strom, unterbrochen durch eine US-Flagge an der Außenseite auf dem grauen Blech.
Im Wagen reihten sich weiße Sneaker an funktionale Sandalen mit Klettverschluss. Daneben Sportschuhe, schwarze Sandaletten, braune Lederschuhe. Birkenstock ohne Socken standen an der Tür. Ich zählte Füße, bis die Türen aufgingen.
Die Wärme der U-Bahn-Schächte erschlug mich beim Aussteigen wie eine Wand. Vor mir klebte ein T-Shirt am Rücken, dunkelblau auf hellblau, Stufe für Stufe nach oben.
Im kleinen Café an der Ecke roch es nach Kaffee und getoasteten Bagels. Mein Favorit blieb der frische Everything Bagel, getoastet nur dann, wenn er nicht frisch genug aussah. Sesam, Mohn, gebrannter Knoblauch, das alles auf einer Serviette, die sich sofort dunkel färbte. Im kleinen Supermarkt stieg mir der Geruch der Blumen in die Nase, die noch einmal bespritzt wurden für die Langlebigkeit. Nelken in Eimern, Rosen in Rosa und Rot, Wassertropfen auf Plastikfolie. Immer wieder die Wärme aus den Schächten und aus den Fenstern der Food Trucks in Greenpoint. Eine Stadt, die von unten heizt.
Draußen regnet es. Drinnen liegen Bücher, frisch gekauft für den Kopf, den Geruch von alten Papierseiten noch in sich wahrend. Der Kopf und der Körper, die durch die Straßen schlendern. Der nächste Regenschwall lässt mich in eine Fabrikhalle hüpfen. Blaue Fassadenbemalung, kobaltblau und an den Rändern abgeblättert. Innen ein abgetrennter Tresen in rustikalem Design, aber dennoch mit der Farbgebung, die an Mexiko erinnert. Terrakotta, Senfgelb, ein Grün wie Limettenschale. So auch die Maistortillas und die Guacamole, dazu Koriander und heißes Fett und Limette. Währenddessen regnete es in Strömen.
Mit nassem Asphalt erstrecken sich die Parallelstraßen mit Cafés in modernem Industriedesign. Hellbeige Sessel, gemütlich mit Holz und Leinenstoff, frische Pastries, die an skandinavische Bäckereien erinnern. Der Duft genauso. Ein bisschen Zimt hängt in der Luft, Kardamom darunter, Butter, die im Blech nachzieht.
Dieses Mal irgendwo schwebend auf der begrünten High Line, entlang der Riverside und durch das West Village, wo die Backsteine nach Regen dunkelrot werden. Queens als der Stadtteil, der mich neu inspirierte. Der Melting Pot der Küchen in Jackson Heights, wo Kreuzkümmel, frittierter Teig und Kardamom aus drei Türen gleichzeitig kommen. Der Sonnenuntergang entlang des Calvary Cemetery, Grabsteine in Reihen und dahinter die Skyline in Orange. Und nicht weit davon die wellenartigen Fassaden von Ridgewood, gelbe Klinker, die im Abendlicht fast golden werden.

Cleveland
Zehn Deutsche, drei Städte, das International Visitor Leadership Program des US-Außenministeriums. Connecting German Young Leaders to the U.S. Heartland.
Die Stadt empfing uns mit Hitze über dem Cuyahoga und mit einem Bus, in dem jemand Witze über die eigene Stadt machte, bis alle mitlachten. Old River Road, Brauereigeruch, Malz und feuchter Stein.
Am Abend dann Rocky River. Eine Veranda, die zum Fluss offen war und einen Blick auf den orangenen Horizont preis gab. Es war nicht das letzte Mal in der Gegend. Ein Garten, wunderschön bepflanzt, eine Feuerstelle, Rauch, der in den Haaren haften bleibt. S’mores, geschmolzene Schokolade zwischen zwei Keksen, klebrige Finger. Ein Kanu, das im flachen Wasser aufsetzt. Nachts schwimmen, Huckepack-Wettrennen, Lachen über das dunkle Wasser hinweg. Am Ufer die Idylle. Sauberkeit, Ruhe, Natur, beeindruckende Häuser, beeindruckende Boote. Und die Frage, wer hier wohnen darf, die niemand stellt. In den Suburbs ist die weiße Dominanz kein Thema, sondern eine Selbstverständlichkeit. Im Westen die osteuropäischen Communities, im Osten mehr WASPs, dazwischen zwölfhundert Kirchen, deren Türme aus dem Grün stechen.
Am Montag begann das Programm im Cleveland Council on World Affairs, sechster Stock, Blick auf Huron Road. Ein Politikwissenschaftler der Case Western Reserve University erklärte uns Föderalismus, Polarisierung und warum amerikanische Wahlen so aussehen, wie sie aussehen. Später erfuhren wir, warum der Handel mit Deutschland weiterhin als wichtig gilt. Am späten Nachmittag der City Club, seit 1912 eines der ältesten durchgehend bestehenden Foren für freie Rede in diesem Land. Ein Raum mit Stühlen in Reihen, in dem sich Leute seit über hundert Jahren streiten dürfen und danach zusammen essen.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Valley City, raus aus der Stadt, Mais links, Mais rechts. MTD, ein Werkzeug- und Formenbauer, aufgebaut von deutschen Auswanderern, verkauft 2023. Durch das Firmenmuseum führte uns der frühere Präsident des Hauses, derselbe Mann, auf dessen Veranda wir am Sonntag gesessen hatten. An der Wand die Sätze über das Erbe und die Zukunft, und daneben Menschen, die genau wissen, was verloren ging. Machmittags das Cuyahoga County Board of Elections. Regale, Scanner, Protokolle, jemand erklärt geduldig, wie nachgezählt wird und warum. Demokratie ist hier kein Wort. Sie ist Verwaltung, Kette, Unterschrift, Kiste.
Beeindruckt blieben wir von der Cleveland City Hall. Marmor, Säulen bis unter die gewölbte Decke, ein Mosaik aus einer Zeit, in der man Städte noch an Decken malte. Eine Flagge, die schwerer hängt als erwartet, und Schritte, die sich vervielfachen. Unten in der Mitte des Raumes ein schöner schwarzer Flügel, der nur mit Ehrfurcht spielen lässt. Oben sprachen wir über die Entwicklung der Stadt.
Abends Masthead, Betonboden, hohe Fenster, Pizza aus dem Steinofen, junge Clevelander, die uns fragten, was wir eigentlich in Ohio suchen. Downtown blieb dabei seltsam leer. Das Leben liegt draußen, in den Vororten, in den Gärten, am See. Die Cleveland Clinic zieht die Welt in die Stadt, und die Stadt selbst wirkt abends wie eine Kulisse, die man erst wieder aufbaut. Zum Abschied der See ohne Gegenüber, Sonnenuntergang an der Lakeside, orange bis violett und dann nur noch Wasser.
Tulsa
Die Hitze liegt anders auf der Haut. Trockener. Achtunddreißig Grad, die Sonne blendet alles in eine heiße Kühle, weil überall die Klimaanlagen laufen. Route 66 auf eine Backsteinwand gemalt, Türkis, Rot, Kobalt, die Farben so laut wie die Straße still ist. Über den Dächern ein Schriftzug in Neonrot, der erst nach Sonnenuntergang anfängt zu arbeiten. Die Distanzen sind länger hier. Man geht nicht, man fährt.
Der erste Morgen begann mit der District Director eines republikanischen Kongressabgeordneten, die uns die America-First-Agenda erklärte, ruhig, freundlich, ohne einen Satz zu viel. Danach das Tulsa Historical Society and Museum, unser Freedom250-Termin, geführt vom Direktor des Hauses.
Und dazwischen Greenwood. Ein Viertel, das man nicht besichtigt, sondern liest. Die Black Wall Street, dreißig Straßenzüge Wohlstand, und dann 1921 zwei Tage, nach denen nichts mehr stand. Straßennamen, die geblieben sind, wo die Häuser nicht bleiben durften. Eine Geschichte, an die noch erinnert wird. Ein Massaker, das die Stadt bis heute prägt. Ich schreibe hier weniger, als ich könnte.
Am Nachmittag City Hall, zehnter Stock. Der Bürgermeister sowie die Vizebürgermeisterin sprachen über das, was eine mittelgroße amerikanische Stadt trägt. Bildung, Jugend, Resilienz. Sie erzählte, wie stark die Zahl der Obdachlosen unter der neuen Stadtregierung gesunken ist, und man hörte, dass es ihr Herzensprojekt ist. Abends dann Toast the Travelers in einer Brauerei, deren Gründer sein Handwerk in Deutschland gelernt hat. Pizza, kaltes Glas, Hopfen und Schweiß, und ein Raum voller Menschen, die sich freuen, dass sie als deutsche Community zusammenkommen und sich mit Deutschen austauschen können. Die Hauptdebatte in jeder Stadt: der Wettbewerb um das beste Oktoberfest..
Am nächsten Tag Öl und Gas und alles, was danach kommt. Ein Midstream-Konzern mit sechzigtausend Meilen Pipeline, die Oklahoma Manufacturing Alliance, das Department of Commerce, das im November mit einer Handelsmission nach Deutschland fährt. Start-ups etablieren sich langsam, Unternehmen investieren stark, Airlines, Flächen, Energie. Über die Data Center sprechen die Bewohner kritisch, wegen des Wassers, wegen des Stroms, wegen der Frage, wem am Ende was gehört.
Am Nachmittag betraten wir eine Werkshalle, in der eine Turbine hängt, groß genug, um hineinzugehen. Ich stelle mich davor und werde klein. Es riecht nach Kerosin, Gummi und heißem Staub. Seit 1946 wartet American Airlines hier seine Flotte, verlegt aus New York, von LaGuardia hierher in die Prärie, dreihundertdreißig Acres, fünfeinhalbtausend Menschen. Daneben ein Cockpit, in dem jeder Schalter beschriftet ist von einer Hand, die es eilig hatte.
Eine Halle mit rotem und grünem Licht, braune Stiefel auf Holz, alle drehen sich zur selben Zeit in dieselbe Richtung zu Country-Rhythmen. Ich zähle die Schritte mit und komme trotzdem zu spät. Später ein Foto in einer Kabine, sechs lachende Gesichter auf zu wenig Platz. Im Barviertel gibt es normalerweise gegen ein Uhr nachts eine Schlägerei. Ansonsten ist die Stadt ruhig und langsamer als andere, und genau das genießen die Menschen hier.
Abends Home Hospitality. Zwei von uns an einem langen Tisch, zwei Katzen, Essen, das nach Lima schmeckte. Kennengelernt haben sie sich in einem Skiresort in den Bergen, beide arbeiteten dort, beide lernten dort erst das Skifahren. Er stand hinter der Bar, sie im Service, und er war der einzige Amerikaner weit und breit, der Spanisch sprach. Danach drei Jahre bei ihr in Peru, dann der Entschluss, es hier zu versuchen. Sie haben geheiratet. Woher sie politisch kommen, musste niemand aussprechen. Am Vormittag hatte uns jemand die America-First-Agenda erklärt, ruhig und freundlich. Am Abend saß ich in einer Küche, in der dieselbe Politik ganz konkret auf dem Tisch lag.
Zum Abschied ein Sonnenuntergang über dem Rollfeld, Rosa über Beton, und ein Fluss von oben, der sich Zeit lässt.
Pittsburgh
Spaziergänge auf dem Weg zur Bar. Eine Mischung aus architektonischer Kunst. Ein dunkles Schloss aus Glas mit kleinen Türmchen, daneben Hochhäuser mit grauer Fassade, die an die vergangene Industrie aus Oil und Gas erinnern. An der Ecke ein Kino mit blauer Leuchtschrift, davor ein Schachbrett, zwei Menschen und keine Eile. Dazwischen ein Smoke Shop, dessen Neon in Grün und Rot auf den nassen Gehweg tropft.
Am Sonntag eine Standseilbahn, die den Hügel hinaufkriecht, Holz, das nach Lack und altem Öl riecht. Hinter der Scheibe schiebt sich die Stadt in ihre Spitze, drei Flüsse, die sich treffen und danach anders heißen. Abends ein Boot, gemeinsam mit einer Gruppe Journalistinnen und Journalisten aus Papua-Neuguinea, Brücken im Abendlicht, Gelb auf Grau, und der Fluss, der alles noch einmal zeigt, nur weicher.
Wir hörten Erzählungen, für die diese Stadt inzwischen bekannt ist. Von Stahl zu KI. Erst der Aufstieg, dann der Absturz, dann Robotik, künstliche Intelligenz, Data Center Aufbau. Darauf richtet Pittsburgh seine Stadtentwicklung heute aus, und man merkt schnell, dass es keine Vision ist, sondern eine Standortentscheidung. Wo Hochöfen Kohle brauchten, brauchen Rechenzentren Strom und Wasser, und beides liegt hier. Erzählt wurde uns das in einem umgebauten Gebäude in Homestead, dort, wo früher das Stahlwerk stand und heute ein Einkaufsviertel steht. Nachmittags Gespräche, in denen am wenigsten Höflichkeit nötig war.
Der letzte Tag trug uns hinaus in den Landkreis, Hügel, Ställe, Zäune, Werbeschilder. Erst die Handelskammer von Washington County, gegründet 1911, dann eine Druckerei. Lithoplatten in Reihen auf Pappe, jede beschriftet mit den Jahren, in denen sie gearbeitet hat. Der Geruch von Farbe und warmem Papier, Terpentin darunter. Die Verlegerin des Butler Eagle erzählt von der letzten Zeitung, die hier im Landkreis noch gedruckt wird, seit 1869, und ihre Hände liegen dabei flach auf dem Tisch. In der Halle nebenan ein Zirkus aus Miniaturen, jahrzehntelang gebaut, jedes Zelt an seinem Platz, Rot und Gold unter Glas. Nichts davon steht still, weil es alt ist.
Dann erzählt sie vom 13. Juli 2024. Eine Wahlkampfveranstaltung vor den Toren der Stadt, Schüsse, ausbrechendes Chaos, und sie sucht nach ihren Leuten. Alle unverletzt. Und statt den eigenen Schutz zu suchen, richteten sie ihren Blick auf das, was die Menschen um sie herum gerade erlebten. Eine Lokalzeitung mit dem größten Ereignis des Landes im eigenen Landkreis, über Nacht in einem Licht, das sie nicht gesucht hatte. Danach kam viel Zuspruch. Und daneben die Stimmen, die sagten, die Medien seien schuld, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Beides in denselben Wochen, beides aus derselben Gegend.
Es war die emotionalste Erzählung dieser drei Wochen. Die Spaltung dieser Gesellschaft war überall zu spüren gewesen, in Gesprächen, in Andeutungen, in dem, was niemand aussprach. Hier bekam sie ein Datum und einen Ort.
Auf dem Weg in den Lüften
Der General sprach nicht über die NATO. Er sprach über Zuständigkeiten, über Bundesstaat und Bund, über zweitausenddreihundert Menschen, für die jemand geradestehen muss. Ich hatte etwas anderes erwartet und lernte mehr als geplant. So ging es mir oft. Vormittags eine Antwort, abends am Küchentisch eine, die ihr widersprach, und keine der beiden war falsch.
Die letzten Termine lagen weit auseinander. Lange Fahrten, ein Bus, in dem irgendwann keiner mehr redete. Wir waren müde bis in die Gesichter, fast emotionslos, während draußen die Fahnenmasten vorbeizogen. US-Flaggen vor Holzhäusern, lange Pergolen, breite Driveways, gemähtes Gras bis zur Straße. Alles wirkte freundlicher. Und in den offenen Gesprächen lag trotzdem eine Verärgerung, die niemand aussprach. Man macht das Beste draus. Das war der Satz darunter, in jeder Stadt.
Vier Städte, vier verschiedene Probleme. New York ganz woanders als alles, was danach kam. Cleveland im Kern noch ein Geist, leer, ohne Seele, während das Leben in den Vororten stattfindet. Tulsa langsam und mit einem Community Spirit, den man am zweiten Tag spürt. Pittsburgh hat eine Seele und zeigt sie nicht offen. Das begehbarste Zentrum von allen, Brücken, die an London erinnern, und Türme, die Kapitalismus ausstrahlen und nicht zusammenpassen. Jeder macht sein eigenes Ding.
Man schnuppert die Luft dort oben und merkt, dass man in einer Blase sitzt, die manche Realitäten auszublenden weiß. Mit Geld ist man wer. Mit einem Auto kommt man voran. In den Vororten kann man sich isolieren, mit der eigenen Waffe im Haus.
Wir hatten unsere Probleme mitgenommen und drei Wochen lang beiseitegeschoben. Auf dem Rückflug holten sie uns wieder ein, pünktlich, vollständig, als hätten sie gewartet. Und trotzdem inspiriert genug, um nicht dorthin zurückgehen zu wollen, wo ich hergekommen bin.
Der Koffer steht noch im Flur. Die Bücher liegen auf dem Tisch, mit ihren amerikanischen Preisschildern auf der Rückseite. In der Küche eine letzte Packung Oaker’s Oatmeal, die ich noch nicht öffne.
Alles ist hier ein wenig enger. Ein wenig näher. Und trotzdem weht der Wind manchmal so, dass ich kurz stehen bleibe.

























