On the Calculation of Volume — Solvej Balle

Ein Resonanztext

Es gibt Bücher die man liest. Und es gibt Bücher in denen man feststeckt.Nicht unangenehm. Eher wie das Gefühl morgens aufzuwachen und einen Moment nicht zu wissen welcher Tag es ist. Dieser Moment vor dem Erinnern.

Die dampfende Tasse bleibt am Morgen die gleiche, schmeckt aber immer anders.

Ich hatte das in mein Notizbuch geschrieben während ich Solvej Balles On the Calculation of Volume las. Nicht als Zitat. Als eigenen Gedanken. Erst später merkte ich dass Balle dieselbe Frage stellt, mur mit anderen Mitteln.

Tara Selter wacht auf. Es ist der 18. November. Sie weiß bereits wann die Amsel anfängt zu singen, weil es gestern auch so war. Und vorgestern. Für alle anderen ist es der erste 18. November. Für Tara: einer von Hunderten. Die Landschaft verändert sich nicht. Der Regen setzt zur gleichen Zeit ein. Hält genauso lange. Hat dieselbe Intensität.

Und trotzdem — innen verändert sich etwas. Der Wunsch voranzukommen. Die Angst stehen zu bleiben.

Das ist die philosophische Essenz dieser beiden Bände. Nicht dasvStehenbleiben 7n der Zeit. Sondern die Frage die darunter liegt: Was bleibt wenn alles gleich bleibt? Das Selbe oder das Gleiche. Das was uns ausmacht bleibt im Kern erhalten. Auch außen die Schale, unverändert. Innen das Verarbeitete jedes einzelnen Tages.

Tara lernt den Tag auswendig wie einen Grundriss. Weiß zu welcher Sekunde der Regen beginnt. Weiß was ihr Mann sagen wird bevor er es sagt. Und in dieser erzwungenen Wiederholung entsteht etwas Unerwartetes — nicht Langeweile sondern Präzision. Die Beobachtungskraft wächst ins Unheimliche. Lesen fühlt sich an wie hinter Glas schauen. Alles gedämpft. Alles scharf.

Jeden Tag in die Bahn setzen und fahren. Den Gesprächen anderer zuhören, die Landschaften vorbeigleiten lassen, um sich von ihrer Gleichmäßigkeit inspirieren zu lassen.

Band II dehnt sich räumlich aus wo der erste sich zeitlich verdichtet. Die Sinne werden schärfer. Gerüche, Texturen, das Gewicht von Dingen. Balle schreibt über Taras Verhältnis zur Welt der Dinge mit einer fast körperlichen Präzision. Eine römische Münze in der Hand. Ein Buch das sich vertraut anfühlt weil man es schon oft gehalten hat. Der Mann der jeden Tag zum ersten Mal lebt. Zwischen ihnen öffnet sich kein Riss aus Streit. Sondern ein Zeitunterschied. Die Zeit ist zwischen uns getreten. Ein Satz über eine Ehe. Ein Satz über jede Beziehung in der zwei Menschen nicht mehr denselben Tag bewohnen.

Was entgleitet uns. Was gleitet uns durch die Finger und was bedeutet das für uns. Sie löst nichts auf. Kein erlösender Moment. Tara wird nicht befreit. Sie wird nur genauer. Und genau darin liegt die Freiheit. Wir können der Aufbruch und Ausbruch sein, der wir suchen. Wir können rein und uns dennoch immer wieder neu erfinden.

Das Juch wurde zugeklappt und es blieb dieses Gefühl. Nicht Auflösung. Sondern Schärfe. Die Konturen des eigenen Tages plötzlich sichtbarer. Was bleibt davon wenn man ihn morgen wieder hat. Was schon heute verblasst ohne dass man es bemerkt. Dieses Buch arbeitet weiter. Leise. Unbequem. Wach.