Von der Freiheit 

Die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit des Reisens, die Freiheit des weiten Horizonts, die Freiheit des zweiten Horizonts, der sich über dem ersten aufspannt. Die Freiheit des Blicks, der weit und nah zugleich ist. Die Freiheit, das Jetzt und das Hier zu leben, im Dasein zu sein, den Moment zu spüren, die Weite aus dem Fenster zu betrachten, das Licht, das sich in Ocker, Weiß, Braun und Erdtönen bricht, und die Wärme, die sich darin legt. Die Freiheit, in kleinen Wassern zu stehen, den Atem zu fühlen, die Hände zu öffnen, das Herz weit zu machen und sich selbst über sich selbst bestimmen zu können.

Die Freiheit, die eigene Person zu sein, die man sein möchte. Jeden Tag neu wählen zu können, wohin man geht, welchen Schritt man tut, welches Frühstück man genießt, welche Uhrzeit man wählt, in welcher Stadt man lebt. Die Freiheit, den Tag zu füllen, die Wege zu gehen, die Zukunft zu gestalten – beruflich, privat. Die Freiheit leise wie ein Federstrich auf Papier, kraftvoll wie ein Gedanke, der sich entfaltet. Die Freiheit die eigenen Träume in die Welt zu setzen, wie Samen, die flüstern, dass alles möglich ist.

Die Freiheit, ungebunden zu sein, miteinander zu sein, ohne voneinander abhängig zu sein. Die Freiheit zu lieben, zu leben, zu lachen, ohne Bedingung und ohne Fessel. Die Freiheit, Beziehungen zu spüren, Natur zu erleben, Horizonte zu betrachten, so nah und zugleich so fern, die Freiheit, Dinge zu tun, die man schon immer ausprobieren wollte, Länder zu besuchen, deren Kultur man spüren möchte, spontane Entscheidungen zu treffen, unerwartete Wege zu gehen, Momente zu wählen, die nur einem selbst gehören.

Die Freiheit, die uns manchmal selbstverständlich scheint, die wir jedoch oft erst dann erkennen, wenn sie bedroht wird. Die Freiheit, die nicht allen gewährt ist, die andere suchen. Die Freiheit, um die gekämpft, die erlangt, die genossen werden muss. Die Freiheit, bewusst zu schätzen, dass sie nicht immer gegeben war, und die Angst zu spüren, dass sie genommen werden könnte. Die Freiheit, für sich selbst einzustehen, für das eigene Leben, für das eigene Sein.

Die Freiheit, die Person zu sehen und zu lieben, die man möchte. Die Freiheit, die Luft in beiden Lungenflügeln zu spüren, den Brustkorb auszufüllen, das Herz und die Seele zu füllen. Die Freiheit, die Beine hüpfen zu lassen, die sich in der Musik widerspiegelt, die einen Ton erzeugt, der weit und nah zugleich ist. Die Freiheit, zu schreiben, wenn Worte entstehen, die eigenen Zeilen zu gestalten, Sätze zu sprechen, die man sprechen möcht, zu sprechen, wenn Gedanken sich regen, zu denken, zu träumen, zu wollen.

Die Freiheit, sich selbst zu sein. Die Freiheit, sich jeden Tag neu zu erfinden. Die Freiheit, sich zu verlieren und wiederzufinden. Die Freiheit, die Welt zu betreten und wieder zu verlassen. Die Freiheit, die in den Entscheidungen liegt, die wir treffen, in den Wegen, die wir gehen, in den Momenten, die wir wählen.

Die Freiheit, sich immer wieder neu zu erfinden, sich jeden Tag neu zu wählen. Die Freiheit, zu reisen, zu lieben, zu leben, zu atmen.

Die Freiheit des Seins, des Werdens und des Wünschens.

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In Zwischenräumen

Sie wohnt nicht in den großen Räumen.
Sie steht nicht auf der ersten Schlagzeile.
Sie ist nicht laut, braucht kein Ankunftszeremoniell, kein Pathos.
Und vielleicht wird sie gerade deshalb so oft übersehen.

Sie sitzt an einem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes – zwischen weißen Giebeln und braunen Holzbalken. Dort, wo warme Farben sich tummeln. Wo das Licht am späten Nachmittag weicher wird.
Zwischen zwei Tassen Flat White, wenn der Dampf langsam in feinen Linien aufsteigt und sich für einen Moment alles langsamer anfühlt. In den Rotweingläsern, die ihre Farbspuren auf den Lippen hinterlassen. In Wortfetzen, die noch nicht wissen, dass sie bleiben werden.

Sie wird unterwegs getragen. In Zügen, die Landschaften kreuzen. In Abschieden und Aufbrüchen an Flughäfen. In diesen Sekunden, bevor Türen sich schließen. Sie liegt in einer Umarmung. In Händen, die ineinandergreifen. Im Blick aus dem Fenster. Im Kleinerwerden der Stadt.

Im wolkenähnlichen Dahintreiben der Gedanken, wenn man nicht weiß, ob man zurückkommt, oder weiterzieht.

Sie versteckt sich hinter Ecken alter Stadtgebäude. Schlängelt sich durch gepflasterte, fremde Straßen. Klingt im Spiel und Gesang der Straßenmusiker, in der melodischen Sprache der Unterhaltungen. Und manchmal auch in dem leisen Heimweh, das Schönheit begleitet. Sie lebt in der Wirklichkeit, gespürt zu werden, in einem Moment, der nicht erklärt werden muss.

Sie ist nicht aufdringlich. Manchmal nur ein Schmunzeln auf den Lippen, das schneller vergeht, als man es festhalten kann. Ein Blick, der länger anhält als nötig. Ein Gespräch, das unerwartet an Tiefe gewinnt. Ein Coffee Date, das mehr ist als Zeitvertreib und doch irgendwann endet.

Sie zeigt sich in Beziehungen. Nicht in großen Gesten, sondern im Kleinen. Im Aushalten von Pausen. Im ehrlichen Zuhören. Im gemeinsamen Lachen über Unwichtiges. Und im Wissen, dass nichts davon selbstverständlich ist.

Sie strahlt in der Andersartigkeit von Menschen.
In ihren Geschichten. In dem Moment, in dem zwei Innenwelten für einen Augenblick ineinandergreifen, bevor sie wieder ihre eigenen Wege gehen.

Sie ist Bewegung.
Nicht Besitz.
Nicht Garantie.

Vielleicht gerade deshalb manchmal ein wenig zerbrechlich.

Sie ist das Leichte zwischen all dem Schweren. Das Helle zwischen den Zweifeln. Die Wärme inmitten kühler Tage, die uns daran erinnert, dass nicht alles bleiben muss, um echt gewesen zu sein.

Und vielleicht ist sie gerade deshalb so kostbar,
weil sie nicht festgehalten werden will.

Sie kommt.
Sie berührt.
Sie erinnert.

Und sie geht weiter – leise,
aber spürbar.

Vielleicht bleibt sie nicht. Aber sie hinterlässt Licht.

Die Freude.

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Leises Wissen unter der Haut

Unter der Haut, aber im Bewusstsein.

Manchmal spricht der Bauch leiser als der Kopf. Kein Argument, kein Abwägen, keine Diskussion. Nur ein Dehnen spürbar unter der Haut. Ein Strom, der sich fühlbar nach oben drängt.

Ein sanftes Drängen ohne viele Worte. Ein Drängen der Wärme oder der Enge. Ein Zusammenziehen und ein Weiten im gleichen Moment. Eine Mischung, die aufweist, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie drängt danach, das Unstimmige zu ermitteln, zu erforschen und aufzulösen. Ohne klare Begründung. Auf die Wahrheit fokussiert.

Gründe, die der Kopf sucht. Beweise, die der Kopf ermitteln möchte. Im Leisen versucht man, das Gefühl mit dem Kopf zu überhören, zu diskutieren, umzudeuten. Und wenn der Bauch lauter ruft, wenn das Zusammenziehen sich intensiviert, übernimmt die Klarheit der Wahrheit jede Begründung. Die Wahrheit wird zur innerlichen Bestätigung. Zu einer Wärme, die den Körper durchdringt.

Es ist kein Drama der Argumente. Vielmehr eine Erinnerung.

Eine Erinnerung an alles, was man schon erlebt, gespürt, überstanden hat. Eine Erinnerung an Erfahrungen, an Erlebtes, an Muster. Erinnerungen an kurze Momente, an Nuancen, an Blicke. Erinnerungen an Pausen in den Worten, an Bindungen und Wendungen. Eine Erinnerung daran, wie jemand bleibt oder nicht bleibt. Eine Erinnerung an gespürte oder gespielte und aufgetragene Nähe.

Eine Wahrheit, die zwischen Vorsicht, Zurückhaltung und Distanz zu unterscheiden weiß. Eine Wahrheit, die klar unter einem Lächeln aus Höflichkeit und Wärme zu unterscheiden weiß. Eine Wahrheit, die verdeckte Flüsse und Verzweigungen erkennt.

Das Schwierige am Bauchgefühl ist nicht, es zu hören. Es ist, ihm Glauben zu schenken.

Zu glauben bedeutet, aufzuhören zu hoffen, wo keine Bewegung ist.

Es bedeutet, Mut zu zeigen, wo die Offenheit stetig wächst.

Es ist weniger Sehnsucht. Es ist vielmehr ein innerer Kompass. Ein Kompass, der nicht vor Enttäuschung schützen kann, sondern einer, der davor schützt, sich selbst nicht zu verlieren. Und vielleicht suchen wir dies mehr, als wir zu hören vermögen. Die Kunst der Selbsttreue. Nicht laut. Nicht aufregend. Nicht dramatisch.

Allein ein bestimmtes Wissen unter der Haut, das die Ränder der Grenzen aufweist – und die Weite.

Und all dies darf wahrgenommen werden.

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Nähe in der Distanz

Manchmal scheint es, als würden Menschen wie Boote durch die Straßen des Lebens treiben. Jeder mit der eigenen Navigation, der eigenen Schwere und Leichtigkeit, und dem eigenen Ziel. Und doch gibt es Momente, in denen Begegnungen unerwartet zum Bremsen bewegen und sanft aneinander schlagen. Leise, kaum spürbar, aber voller Schwingung.

Die Nähe, sie ist ein zartes Licht. Sie flackert auf, wenn ein Lächeln die Ecke des Gesichts berührt, wenn Hände sich fast zufällig streifen, wenn Worte sich nicht nur treffen, sondern aufeinander eingehen. Doch in der Nähe birgt sich gleichermaßen auch die Distanz. Ein unsichtbares Band, das uns zurückhält. Ein Band, das uns schützt vor der Kälte, die ein Zurückweisen bringen könnte.

Distanz kann aus vielen Quellen wachsen. Aus Unsicherheit, aus einem Mangel an Selbstvertrauen, aus einer leisen Angst. Oder aus Vorsicht vor dem Geflecht der anderen. Die eigene Energie, in kleinen Dosierung geteilt, wie Wasser, das durch feine Rillen auf einen Stein tropft. Beobachtend und nur bedingt auf die Tropfen bedacht. Wenig kontrolliert, sondern vielmehr emotional getrieben. 

Und doch, selbst wenn Hände zurückgezogen bleiben, gibt es Spuren der Verbindung. Ein Spaziergang, ein Kaffee, ein Gespräch, das länger dauert als geplant, ein kurzer Blick, ein fast unmerkliches Lächeln. Es sind kleinen Rillen im Stein, die in ihrer Verletzlichkeit kostbar sind.

Die Balance zwischen Nähe und Zurückhaltung ist ein Spiel aus Wärme und Kälte, aus Licht und Schatten. Mit Offenheit wird die Freude des Moments spürbar. Die Wärme des Austauschs fühlbar. Die Inspiration der Andersartigkeit erfahrbar. Zwei Seiten, die ein Muster weben. Ein Muster der Asymmetrie. Irritierend, aber schön und lebendig.

Manchmal ist es die Energie des Gegenübers, die bewegt, manchmal die eigene Freiheit und Unbeschwertheit, die Brücken schlägt. Und dann gibt es Tage, an denen die Sonne über einer Stadt an dem Dachgiebeln bricht. Nähe als ein sich in kleinen Gesten öffnender Moment.

Die eigene Unsicherheit, die Reflexion, die Sorge, zu viel zu geben oder zu wenig. Ein Wort, eine Geste zuviel und die Magie wird vom grauen Hauch davongetragen. Wie Kieselsteine, die durch die Finger rinnen. In der Summe Landschaften formend. Und vielleicht, nur vielleicht, wird aus den kleinen Tropfen, den vorsichtigen Schritten, den leisen Blicken, irgendwann ein Fluss, der trägt und verbindet – sanft, beständig, unaufdringlich.

Denn zwischen den Straßen, zwischen Nähe und Distanz, liegt eine Schönheit in unserer Aufmerksamkeit. Ein stilles Verweilen, ein längeres Hinschauen, ein bewusstes Erleben. Und manchmal reicht es, einfach die Wärme zu spüren, ohne zu wissen, wohin der nächste Schritt führt. Die Wärme, die zum Bleiben einlädt.

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Über das Umblättern

Das neue Jahr liegt da wie ein unbeschriebenes Blatt, das schon Spuren trägt. Ein Blatt nicht leer, sondern offen gefüllt zu werden. Die Tage sind noch kühl, das Licht gedimmt, und alles scheint sich langsam in Bewegung zu setzen. Wie ein Schauer der aus dem Nichts kommt und einen vereinnahmt. Ganz wellenartig. So als müsste sich die Welt erst wieder an sich selbst erinnern. Diese Zeit hat etwas Ehrliches. Nichts ist festgelegt, aber vieles möglich. 

Man hört Sätze über Menschen. Zwischen den Jahren, wenn Bilanz gezogen wird. Manchmal klingt es bewundernd, manchmal wie eine Feststellung, manchmal wie ein leiser Vorwurf. Und irgendwo dazwischen bleibt die Frage hängen, was diese Worte eigentlich bedeuten, wenn man sie nicht von außen betrachtet, sondern von innen fühlt.

Worte, die verändern. 

Macht. Andere Sätzen drehen Funken von Wunderkerzen in Flammen oder einschlagende Feuer. Von einem kleinen Zündeln zu einem erheblichen Nachbeben. Eines, das erschüttert, verwundert, den Kopf schütteln lässt, und die Sichtweise beschränkt. Beschränkt auf das Emotionale und die gleichzeitige Abwägung an Sinnhaftigkeit und System. Das Testen der eigenen Grenzen was zu akzeptieren gilt und wo das eigene Wertesystem greift. Wo der Zorn die Emotionalität am Kragen packt und sich auf den Körper überträgt. Ein Schauer, der zu einem ganzheitlichen Schütteln wird. Vom eigenen Schütteln zum Wunsch des Wachrüttelns anderer aus den Dämmerschlaf zwischen den Jahren. 

Stärke. Stärke als Schutz oder als Erzeuger von Müdigkeit. Ist sie etwas, das man wählt – oder etwas, das man sich aneignet, weil es nötig war. Vielleicht ist Stärke oft nichts anderes als das Bleiben, wenn man längst hätte gehen können. Oder das Gehen, wenn Bleiben sich selbst verraten würde.

Sturheit. Ein Wort, das schnell fällt. Vielleicht ist sie nur der Versuch, sich nicht zu verlieren, wenn die Welt zieht. Vielleicht ist sie ein Nein, das gelernt hat, sich nicht mehr zu entschuldigen. Und vielleicht trägt sie immer auch die Angst in sich, zu viel zu sein.

Unabhängigkeit. Klingt leicht, fast frei. Aber sie hat Gewicht. Sie bedeutet Entscheidungen, die niemand abnimmt. Wege, die man allein beginnt, auch wenn man sie nicht allein gehen möchte. Unabhängigkekt ist nicht immer Bewegung, sondern heißt auch zu bleiben. Wach bleiben. Fühlen. Freiheit ist selten romantisch. Meist ist sie still, manchmal einsam, oft notwendig. Aber zu oft ungelebt, wenn sie allzeit umgibt. Fast vergessen und ungenutzt, wenn sie zur Selbstverständlichkeit wird. Loslaufen ins Ungewisse wäre für viele möglich – theoretisch. Sie ist kein universelles Versprechen, sondern vielmehr ein Privileg, das nicht allen gleichermaßen zusteht. Es bleibt Dankbarkeit zurück. Für jede Bewegung, jede Entscheidung, jeden Moment von Selbstbestimmung.

Schönheit. Vielleicht liegt sie gar nicht im Glatten, sondern im Gelebten. In Linien, die vom Denken kommen, nicht vom Lächeln. In Blicken, die direkt sind, weil Umwege zu anstrengend geworden sind. Ehrlichkeit hat eine eigene Ästhetik – nicht laut, aber klar.

Direktheit. Oftmals als Kälte gelesen. Dabei ist sie manchmal nur der Mut, nicht zu verschleiern, was ohnehin im Raum steht. Wahrheit braucht keine Härte, nur Standfestigkeit. Und vielleicht ist genau das Wachstum dieses Jahres: Worte nicht schärfer zu machen, sondern wahrer.

Zwischen Hoffnung und Melancholie entsteht ein neuer Anfang. Nicht euphorisch, sondern wach. Nicht frei von Zweifel, aber voller Richtung. Die Leichtigkeit kommt nicht vom Loslassen allein, sondern vom Vertrauen, dass man tragen kann, was bleibt.

Vielleicht geht es in diesem Jahr weniger darum, jemand Bestimmtes zu sein, und mehr darum, sich nicht weiter zu entfernen von dem, was sich richtig anfühlt.

Nicht stärker werden, sondern aufrechter.

Nicht unabhängiger, sondern bewusster.

Nicht schöner, sondern ehrlicher.

Das neue Jahr fragt nicht nach Etiketten. Es fragt nach Bewegung, nach Wandel, nach dem Mut, weich zu bleiben, wo man hart sein könnte – und klar, wo Unschärfe nur schützt.

Und vielleicht ist genau das genug für einen Anfang.

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Herbstatmen

Der Herbst atmet heute. Nicht laut, nicht dramatisch, eher dieses tiefe, gleichmäßige Atmen von jemandem, der schon viel erlebt hat und weiß, dass man für die nächsten Wochen Kraft braucht. Innen Kerzenlicht und außen dunkel. Ich merke, wie sich mein eigener Rhythmus daran anpasst – langsamer, weicher, ein bisschen nach innen gekehrt.

Die Luft hat diesen Geruch von feuchter Erde, irgendwo ein Hauch von Rauch, der noch vom Sommer übrig geblieben ist. Sie klingt nach sanften Stimmen und Rhythmen von Andrew Belle’s ‚Dive Deep Hushed‘. Der Moment, in dem die Tage anfangen, sich zu räuspern, bevor sie kürzer werden. Die Sonne begibt sich über den Dachgiebel, und entlang der Häuserkante, aber man merkt, dass sie weniger überzeugen will. Sie hält sich zurück, als hätte sie beschlossen, den Herbst schrittweise vorzulassen.

Im Park liegen Blätter, die gestern noch gelb waren. Zarte Blattfasern der Brüchigkeit, welche an Menschen erinnert, die versuchen stark zu wirken, obwohl sie schon längst müde sind. Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Jahreszeit so berührt – sie ist voller Dinge, die loslassen, ohne dass jemand es groß kommentiert.

Der Wind, der leicht frösteln lässt, um von einer leicht warmen Böe verfolgt zu werden. Die leise Nachfrage nach dem Bereitsein. Und die Frage nach dem Bereitsein für den Schritt des Loslassens. Wenn ich etwas zu verlieren hätte wäre das Teil des Verlaufs des Lebens? Was schätzen wir uns was werten wir auf? Was lieben und schätzen wir wirklich, und was lieben wir, weil wir es benötigen?

Der Herbst erinnert an Übergänge, an verpasste Anrufe, an Gedanken, die man seit Wochen mit sich herumträgt, aber nie wirklich ausspricht. An Gesichter, die wieder gesehen werden müssten. An Gespräche, die darauf warten geführt zu werden. An Umarmungen, die eine Mischung aus Wärme und Wehmut geben.

Er bringt diese Melancholie mit, die nicht wehtut, aber trotzdem den Brustkorb enger zurrt. Die Stadt klingt anders am diesen Tage. Kühle Motoren, hallende Schritte. Weniger Lachen, mehr Atemzüge. Vielleicht nur ein Schein, dass Menschen in dieser Zeit vorsichtiger werden, fast zarter. Wie ein gelbes Blatt. Als wüssten wir alle unbewusst, dass wir gerade an der Jahreszeit vorbeigehen, die uns daran erinnert, wie vergänglich alles ist. Sie nimmt und gibt Sicherheit gleichermaßen, lässt beobachten und geschehen. Lässt das Spiel zwischen Liebe und Hass aus einer Distanz weiterlaufen, um irgendwann aktiv daran teilzunehmen. Lässt aktiv die Sicherheit suchen.

Ich lehne mich zurück, ziehe die Beine an, und für einen Moment ist alles still. Nur dieses Atmen. Der Herbst, ich, und dieses Gefühl, dass etwas endet, ohne dass man genau weiß, was danach kommt.
Und in dieser Ungewissheit liegt eine Ruhe, die ich im Sommer nie finde.

Vielleicht ist das das Geheimnis des Herbstes – er nimmt nichts, ohne ein bisschen Frieden dazulassen.

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Herbstsonne

Die Blätter fielen sanft auf den erdigen Boden. Aufgeweicht vom frühen Regen. Sanfte Nebeldecken ziehen sich zurück und lassen den Blick frei für das tiefe blau des Sees. Nebelschwaden, die das grün der Felder noch intensiver scheinen lässt. Eine Magie, die langsam den Blick in die Weite freilegt. Sonnenstrahlen, die sich durch die leichte graue Decke kämpfen. Strahlen in einem gelborangenen Ton, die durch das Fenster brechen und die kleine Sitzecke in eine Idylle tauchen. Sonnenstrahlen, die im Shavasana mein Gesicht wärmen und meine Nase streicheln. Eine Herbstsonne, die Raum und Seele mit einem wohligen Gefühl füllt.

Ein Kaffee, ganz weit entfernt von dem Alltag. Ein Blick auf das rege Treiben auf der Straße. Im geduldigen Beisein ohne Zeitgefühl, ist ein Gespräch inspirierender als gedacht. Weiter weg, eine malerische Landschaft, die Ruhe schenkt. Herbstfarben, die die Augen erfüllen. Gebäude, die Erinnerungen und neue Ideen wecken. Jeder Schluck aus der porzellanenen Tasse trägt hinweg von dem Stress der letzten Tage. Jeder Schluck ein Energie tanken und ein Innehalten. Ein Sonnenstrahl, der die leeren Batterien wieder zu füllen versucht.

Oktober, irgendwo zwischen einem in-sich-versinken und Änderungen herbeisehnen. Tage der Müdigkeit – vom Jahr, von den Monaten – zehren an der vollen Wahrnehmung der Momente. Und dennoch versucht man das Leben mit jeder Faser aufzusaugen. Momente, die einen zum Lachen bringen vollständig auszukosten. Manchmal präsent und manchmal im Tagtraum gefangen.

Entlang laufende Straßen gefüllt mit kleinen spannenden Dingen, die sich im spiegelnden Fenster entdecken. Freude, die sich in den Augen spiegelt und die Positivität direkt überträgt. Die fast überlappend den leeren Topf mit Energie und Lebensfreude füllt. Schrittweise.

Pep Talks von Freunden, welche man dachte nicht hören zu müssen. Freunde, die Räume für Perspektiven geben, sich selbst reflektieren – in einem schönen Ton. Räume voller inspirierenden Gesprächen und Themen. Schrittweise die Wahrheit erkennen und aufnehmen. Sich selbst wieder erkennen in der eigenen Wahrheit und dem eigenen Sein.

Die Suche nach den Sternschnuppen am gefüllten Horizont. Das Suchen nach der Antwort auf all die offenen Fragen. Die Suche nach etwas Greifbarem. Suchten und wurden gleichzeitig vom Leben erfüllt. Und am Schluss bleibt das Glücksgefühl und die Erinnerung an diese Momente, so fern und frei

Berlin being Berlin. Wenn man Schmutz und Chaos auf die Seite schieben kann. Es scheint als könnte man das Leben gut genießen. Den Zauber im Kleinen weiterhin finden. Das orangene Leuchten überdeckt all das grau, das in den Ecken schlummert. Farben, die die Stadt in ein warmes Licht hüllen. Der Abschied und der Abschluss eines Kapitels – um mit der nächsten Seite ein neues zu öffnen.

Simple life – wenn die Herbstsonne scheint.

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Was passiert.

Was passiert, wenn wir uns umdrehen und weglaufen. Laufen in die gegengesetze Richtung. Wenn wir nicht davonrennen, sondern gezielt einen anderen Weg einschlagen. Wenn wir versuchen uns wieder zu finden. Zu finden in dem See der Möglichkeiten und der vielen Erwartungen. Schwimmend bewegen wir uns übers Wasser. Manchmal höhere Wellen, manchmal sanftere. Manchmal so sanft, das man meint still zu stehen. Andere Male so intensiv, dass man meint unterzugehen.

Doch was ist darunter? Lediglich die Angst. Vielleicht sind unten Perspektiven, die man nie in Erwägung gezogen hat. Was passiert wenn wir auf Pause drücken. Was passiert wenn wir die Zugkraft, die uns nach unten zieht näher betrachten. Verpflichtungen, unausgesprochene Ansprüche, Verantwortungen, Loyalität, und Verlässlichkeit. Der Anspruch alle Feuer löschen zu müssen, ohne einzusehen, dass keines komplett ausgehen wird, wenn man überall Wasser darüber gießt. Der Anspruch keine Timeline zu führen und gleichzeitig Prioritäten zu setzen, mit der Tendenz emotional zu scheitern. Alle zufrieden zu stellen – mit einem Lächeln auf dem Gesicht. So lange bis es sich sanft legt und erstmal nicht auffindbar ist. Wie viele Feuer können wir ertragen. Wie lang ist unser Löschschlauch, und wie groß unser emotionaler Wasservorrat. Mit jedem Feuer bewegen wir uns langsam aber stetig auf die Wahrheit zu. Die Wahrheit der Grenzen. Die Wahrheit der Wasseroberfläche, die uns noch trägt.

Was passiert, wenn wir weitergeleitete Ideologien bis zum Feuer verfolgen. Was passiert, wenn wir so lange an Beziehungen festhalten, die uns unbewusst Energie rauben, bis wir schon unter der Wasseroberfläche sind. Was passiert, wenn wir uns neu fokussieren, anders auf den plötzlich aufkommenden Regen blicken. Was passiert, wenn wir durchatmend mit einem Fuß in der Pfütze die gemalten Wolken am Himmel betrachten. Was passiert, wenn wir uns von Menschen inspirieren anstatt ertränken lassen. Was passiert, wenn wir unserer Erreichbarkeit Grenzen aufsetzen. Was passiert, wenn wir Durchatmen und Sein lassen. Was passiert, wenn wir im vielen und im wenigen akzeptiert werden.

Was passiert, wenn wir uns umdrehen und in die intuitiv richtige Richtung laufen. Was passiert, wenn wir uns umdrehen und nicht mehr laufen.

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Heimat

Plötzlich wird es ganz frisch draußen. Die Sonne ist nun hinter den Häusern verschwunden und ein dunkles Gelb liegt nun in den Straßen. Ich spüre meinen Körper und merke, wie sehr ich diese Auszeit brauche. Durchatmen in der Heimat, denn es ist schön hier – und still.

Die verstrichenen Jahre erscheinen mir manchmal wie ein einziger Tag und dann zieht sich, auch unter grauem Himmel, mein Herz zusammen und ich spüre das brennende Glück hier meine Kindheit verbracht zu haben. Und allein dieser schöne Schmerz und dieses warme Gefühl entwaffnet alle abwertenden Gefühle gegenüber diesen Straßen. Denn manchmal muss man sich seiner Zeit einfach ergeben und erkennen, dass alle Fragmente der Jahre ineinander verwachsen sind – die guten und die schlechten.

I don’t ever wanna feel
Like I did that day
Take me to the place I love
Take me all the way

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Wenn der Himmel leiser wird

Sinkflug.

Es gibt Zeiten, in denen sich das Leben wie ein Flug in Richtung Unbekannt anfühlt. Kein klarer Kurs. Nur die Ahnung, dass der Himmel sich langsam verdunkelt und die Schwerkraft stärker wird. Ein Sinken, sanft vielleicht – doch mit der ständigen Frage, ob da am Ende ein Halt kommt oder der Aufprall an der Wand des Scheiterns wartet. Wie eine Stewardess, die die Routine der Sicherheit abspult, nichtsahnend vom plötzlichen Ruck – so bewegt sich alles weiter. Als wäre nichts.

Und doch ist da dieses untrügliche Gefühl, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der Autopilot stottert. Das Blau, das einst die Freiheit bedeutete, weitet sich nicht mehr. Es verengt sich zu einem kaum benennbaren Ton. Etwas zwischen Erwartung und Vorsicht. Zwischen Leichtigkeit und der Angst, sie könne zu trügen beginnen. Und plötzlich hört man hin: auf jedes Geräusch, jede Stille, jedes Ausbleiben. Die Unbeschwertheit wird beäugt, angezweifelt. Zu viele Variablen, zu viele Wenns, zu viele Möglichkeiten des Scheiterns.

Es ist selten das große Drama, das an den Rändern nagt. Eher ein stiller, innerer Rückzug. Eine Müdigkeit, die sich auf die Seele legt. Eine Angst, die sich leise ihren Platz sucht. Nicht das Verlieren im Außen, sondern im Innen. Nicht das Scheitern vor anderen, sondern das eigene Verschwinden im Unklaren. Da ist Stillstand. Da ist ein Rückwärtsgang. Und dazwischen dieses Gefühl, dass das Atmen kürzer wird.

Beziehungen, Freundschaften, Wege. Alles scheint fragil. Worte, die zu viel oder zu wenig sagen. Nachrichten, die zu spät kommen. Offenheit, die verletzt. Schweigen, das trennt. Verbindungen, die rutschen, weil der Boden sich verschiebt. Und immer wieder die Frage: War es eine Flucht? Ist es noch eine? Vor dem Schmerz. Vor der Anstrengung. Vor dem möglichen Verlust.

Doch da ist auch dieser Wunsch: nach Nähe, nach Vertrautheit, nach einem Dazugehören. Nach einem Nicht-wieder-von-vorne. Und dann wieder die Angst, genau das nicht halten zu können. Was kommen wird, bleibt offen. Aber vielleicht liegt in diesem Schwebezustand auch etwas Gutes.

Ein Warten. Ein Aufatmen. Ein Neuanfang.

Eingefangen. Von was – das wird sich zeigen.

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