In Zwischenräumen

Sie wohnt nicht in den großen Räumen.
Sie steht nicht auf der ersten Schlagzeile.
Sie ist nicht laut, braucht kein Ankunftszeremoniell, kein Pathos.
Und vielleicht wird sie gerade deshalb so oft übersehen.

Sie sitzt an einem kleinen Tisch in der Ecke des Raumes – zwischen weißen Giebeln und braunen Holzbalken. Dort, wo warme Farben sich tummeln. Wo das Licht am späten Nachmittag weicher wird.
Zwischen zwei Tassen Flat White, wenn der Dampf langsam in feinen Linien aufsteigt und sich für einen Moment alles langsamer anfühlt. In den Rotweingläsern, die ihre Farbspuren auf den Lippen hinterlassen. In Wortfetzen, die noch nicht wissen, dass sie bleiben werden.

Sie wird unterwegs getragen. In Zügen, die Landschaften kreuzen. In Abschieden und Aufbrüchen an Flughäfen. In diesen Sekunden, bevor Türen sich schließen. Sie liegt in einer Umarmung. In Händen, die ineinandergreifen. Im Blick aus dem Fenster. Im Kleinerwerden der Stadt.

Im wolkenähnlichen Dahintreiben der Gedanken, wenn man nicht weiß, ob man zurückkommt, oder weiterzieht.

Sie versteckt sich hinter Ecken alter Stadtgebäude. Schlängelt sich durch gepflasterte, fremde Straßen. Klingt im Spiel und Gesang der Straßenmusiker, in der melodischen Sprache der Unterhaltungen. Und manchmal auch in dem leisen Heimweh, das Schönheit begleitet. Sie lebt in der Wirklichkeit, gespürt zu werden, in einem Moment, der nicht erklärt werden muss.

Sie ist nicht aufdringlich. Manchmal nur ein Schmunzeln auf den Lippen, das schneller vergeht, als man es festhalten kann. Ein Blick, der länger anhält als nötig. Ein Gespräch, das unerwartet an Tiefe gewinnt. Ein Coffee Date, das mehr ist als Zeitvertreib und doch irgendwann endet.

Sie zeigt sich in Beziehungen. Nicht in großen Gesten, sondern im Kleinen. Im Aushalten von Pausen. Im ehrlichen Zuhören. Im gemeinsamen Lachen über Unwichtiges. Und im Wissen, dass nichts davon selbstverständlich ist.

Sie strahlt in der Andersartigkeit von Menschen.
In ihren Geschichten. In dem Moment, in dem zwei Innenwelten für einen Augenblick ineinandergreifen, bevor sie wieder ihre eigenen Wege gehen.

Sie ist Bewegung.
Nicht Besitz.
Nicht Garantie.

Vielleicht gerade deshalb manchmal ein wenig zerbrechlich.

Sie ist das Leichte zwischen all dem Schweren. Das Helle zwischen den Zweifeln. Die Wärme inmitten kühler Tage, die uns daran erinnert, dass nicht alles bleiben muss, um echt gewesen zu sein.

Und vielleicht ist sie gerade deshalb so kostbar,
weil sie nicht festgehalten werden will.

Sie kommt.
Sie berührt.
Sie erinnert.

Und sie geht weiter – leise,
aber spürbar.

Vielleicht bleibt sie nicht. Aber sie hinterlässt Licht.

Die Freude.

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