Kirsche, Salz und Grün

Man genießt den Norden Spaniens in kleinen Stücken. Wie Tapas. Jedes ganz eigenartig und schmackhaft. Der Norden schmeckt auf der Zunge nach Kirsche, ein wenig mineralisch und im Gaumen nach Meeresfrüchten. Er riecht nach Salzwasser und nach Weideland. Und er taucht sich in ein sattes Grün mit braungrauen Abschlüssen und blauen Mündungen.

Galicien. Dort wo sich Architektur, Kultur und Natur natürlich vermischen. Atmosphäre trifft auf Architektur. Raue Klippen in Ockerbraun und einer grünen Decke brechen vor tiefblauem Meer. Der Atlantik der mit dem Wind noch tiefer spürbar wird. Santiago hat einen ganz eigenen Fluss. Gassen von Menschen gefüllt, die Freude ausstrahlen. Erleichterung über das Ziel. Der Ort, der die Familie vereint im Glauben. Eine Altstadt aus Galería Fassaden, alten Gemäuern, vielen Fenstern. Anders als A Coruña und in den spiegelnden Gläsern doch dasselbe. Santiago gefühlt uriger in der Altstadt umsäumt mit grünen Parks. A Coruña zwischen dem Meer getaucht mit Hafen und Promenade. Moderne Großstadtgebäude werden von den Galerías Häusern der Altstadt abgelöst. Gibt ihm das Gefühl von einem zu groß gewachsenen Fischerdorf. In beiden brummt das Leben auf den Terrassen der Bars am Abend und bei Tapas in den Tavernen. Holztheken und handgeschriebene Tafeln. Einfach und trifft doch genau das was man sucht. Die Schönheit im Leben. Mit der Leichtigkeit des Windes der durchs Haar weht. Wellen, die Surfer anziehen und Küstenstraßen auf denen sich Rennräder entlangschlängeln.

Gijón schlägt einen anderen Takt. Die Promenade am San Lorenzo zieht sich in einem langen Bogen, Surfer im Wasser, Spaziergänger daneben, die Stadt hinter allem. Rotbraune Hochhäuser lassen ein bisschen Madrid in der Stadt wohnen. Cimadevilla oben auf dem Felsen. Fischerviertel, enge Gassen, Bars deren Türen offen stehen. Von oben der Atlantik in beiden Richtungen. Unten der Hafen, Fischerboote, der Geruch von dem was heute Nacht noch ausläuft. Die andere Stadtseite schlängelt sich von der langen Küste die Hügel hinauf. Braunrote Ziegeldächer wechseln sich mit modernen Fenstern und glatten Fassaden ab. Cidre wird hier gegossen wie der Minztee in Marokko. Aus der Höhe, mit einer Präzision die Ritual ist. Das Glas sofort leeren. Den Rest auf den Boden.

Asturien läuft wie ein langer Strand an der Küste entlang ohne ans Ende zu kommen. Schön. Ruhig. Manchmal zu ruhig. Die Stille erweckte das Gegenteil. Unruhe. Die Suche nach etwas das man brauchte aber nicht greifen konnte. Schlaf, Essen, Wasser. Nichts das so richtig zufriedenstellte.Und genau dort beginnt Bewegung wieder notwendig zu werden. Die Pedale im Rhythmus tritt. Die Fahrradkette klickt. Nach Begeisterung folgte an einem Punkt das Fluchen über die eigene Kondition. 1.500 Höhenmeter. Außer Puste. Zur Abschlussetappe gab es Espresso. Der Kuchen fehlte. Das spürten auch die Beine. Selbst die Tortilla Optionen waren geschlossen. Man flucht und tritt weiter. 

Dann aufgetankt in der kalten Welle. Jede Welle erreichte. Kalte Wellen, die den Körper kurz aus dem Denken zogen. Ließen die Dringlichkeit der Gedanken lösen. Der innere Ruf nach etwas das man nicht greifen konnte verstummte. Das Gefühl des Gesättigtsein ebbte ab. Und immer wieder überrascht eine unvorhergesehene Felsenformation an der die Wellen brechen. Der Bruch und das Licht anders als an der Algarve. Alles ein wenig seichter. Aber intensiv auf kleinem Raum. Kühe und Heuballen säumen die Wiesen. Hügel, die ein Heimatgefühl herbeirufen. Ein bisschen schwäbische Alb, nur grüner und vom Atlantik begleitet. Restaurants bleiben geschlossen oder öffnen erst zum Sonnenuntergang. Eine Mischung aus Vertrautheit und leichter Unruhe.

Der Van parkt so nah ans Meer wie es geht. Die Heckklappe offen. Die Zehen strecken sich Richtung Horizont. Man blickt auf die Weite zwischen anderen Vans. Gemeinsam mit dem gleichen Ausblick, aber innerlich in einem anderen Zustand. Die Aussicht wurde größer. Der innere Raum blieb in der gleichen Form. Innen enger als im Außen.  

Und überall bewegen sich zwei Räder die Straßen entlang und Berge hinauf. Nach starken Anstiegen versteht man, was der Norden und die Vuelta wirklich für die Beine bedeutet.

Auf dem Weg von Asturien werden Hügel zu begrünten Bergen. Tunnel über Tunnel. Und umso imposanter die runden grünen Gipfel, die sich faltenartig aneinanderreihen. Steinhäuser ruhen daneben. Fassaden aus Stein. Mauern aus Stein. Die Luft wurde kühler, aber die Freundlichkeit blieb bestehen. Manche Häuser mit einem runden Bogen als Eingangstür. Fast wie ein Weinkellergebäude das schon immer hier stand. Ungeplant und spontan wurde ein Weinkauf zum landschaftlichen Aufatmen.

Man taucht ein. Zwischen hellgraue Wände. Abgerundet. Einzigartig in der Gesteinsform. Fleckenhaft mit grünen Tupfen bemalt. So erstrecken sich die Picos de Europa auf dem Weg nach Cantabria. Oben auf der Ebene angekommen nimmt eine Bergkette den ganzen Horizont ein. In den Schatten noch eine leichte Schneedecke. Gipfel, die Wanderschuhe anzuziehen lassen.

An der Küste werden die Wanderschuhe in Badeschlappen verwandelt. Eine lange Strandküste. Auf der einen Seite grüne Klippen auf denen Kühe grasen. Auf der anderen hinter dem Fischerdorf San Vicente das schneebedeckte Bergpanorama. Eine Weite die öffnet. Menschen, die die Sonne suchen am Tag. Surfer am Abend.

Die Augen sehen aber greifen nicht mehr so schnell. Man wird selektiver. Stiller. Man lässt mehr vorbeiziehen ohne es festzuhalten. Und manchmal reicht das. Einfach fahren. Das Grün durch die Windschutzscheibe. Die Kühe. Der nächste Hügel. Kein Foto. Kein Satz. Nur da sein.

Vielleicht ist es nicht die Landschaft.

Sondern das Leben zwischen den Landschaften.

Das Dazwischen. Das Dazwischen in einer Wohlfühlkultur. 

Bilbao schließlich ist Verdichtung. Zwischen den grünen Hügeln erstrecken sich Häuser. Hoch bis sie im Kern der Stadt bunter, barocker und schmaler werden. Ein fließender Wasserspiegel zieht sich hindurch und teilt die Stadt. Es spiegeln sich Brücken, alt und steinig. Eine architektonisch moderne mit fischgrätenartigem Unterbau zieht die Blicke und Fußgänger an. Nicht weit davon glitzern die dünnen Platten aus Titan des Guggenheim Museums wie kleine Fischschuppen im Licht. Davor eine Riesenspinne. Man geht darunter hindurch. An anderen Stellen in der Stadt trifft man immer wieder auf Kunstinstallationen. Die Altstadt von bunten kleinen Fassaden mit einer Vielzahl an Fenstern bestückt. Das Leben mit Bier und Pintxos vor und hinter den Glastüren der Bars. Txakoli in Gläsern auf kleinen runden Tischen reihen sich im Kreis auf dem Plaza Nueva. Ein Geschmack, der an Vinho Verde erinnert. Von oben eingeschenkt, ohne dass ein Spritzer daneben geht. Er spiegelt das Licht das über den Platz bricht in hellgelb wider. Die Pintxos ergänzen die mineralischen Salznoten. Fischkroketten fest im Biss, Pilze noch tropfend von Öl. Baguettescheiben, die es wiederum auffangen. Die Farben auf den Tellern der Tische unterschiedlicher als die Wandfarben der Stadt. Aitana klingt aus den Kehlen der jungen Frauen die am Platz sitzen. In Bars dröhnen die gut gelaunten Unterhaltungen. Auf den Straßen hört man das Stöhnen der Hitze. Hitze, die sich auf den Bodenplatten der Einkaufsstraßen spiegelt und den Schatten suchen lässt den die Gassen werfen. Gebäude, die an ein anderes Zeitalter erinnern, brechen die Moderne. Wie der Nervión als Achse zwischen Alt und Neu. Es ist dieses völlig freie, sommerliche Lebensgefühl. Man lässt Hitze, Wasser auf der Haut und den Wind in den Haaren ungefiltert an sich heran.

In der Hoya-Region, halten sich Dörfer an Bergkanten fest. Straßen verlaufen durch Schluchten, in denen Flüsse wie Linien wirken, die jemand in die Landschaft gezogen hat. Von  Pamplona bis Aínsa. Kleine Orte zwischen Geschichte, Geografie und Gegenwart. Schneebedeckte Berge erstrecken sich hinter fast prärieartigen gemähten Feldern. Graue Bergfassaden falten sich wie Wurzeln großer Bäume hinter der Schlucht. Andere türmen sich wie Mondlandschaften. Canal de Berdún erhöht sich als Burgstädtchen wie Carcassonne. Taucht aus dem Nichts auf. Späte Essenstunden waren hier fehl am Platz. Öffnungszeiten lösten gewonnene Erkenntnisse ab. Umplanen war gefragt. Essen wird hier einfacher. Schmeckt trockener und nach Pflaume. Einfacher aber tiefer im Geschmack. Und der Geschmack fehlte an überteuerten Salat, der fünf Minuten vor Küchenschluss bestellt wurde. Aber die Bergluft ließen nur positive Gedanken zu. Eine innere Zufriedenheit zwischen Bergkette, türkisblauen Flusschlucht und Städtchen. Spanien lässt vor den Pyrenäen in diesen kleinen Dörfern die eigene Magie spielen. Die Füße spüren die runden Pflastersteine.

Zwei Monate. Endlose Straßen und manche die abrupt enden. 

Marokko verkauft sich durch die Händler aber drängt sich nicht auf. Portugal wirkt in der Natur stark aber nicht hart und aufdrängend. Spanien lebt in jeder Faser. Keine Stadt drängt sich auf. Sie leben einfach in ihrer Leichtigkeit.

Irgendwann fehlten nicht die Menschen. Es fehlten die Städte. Das Brummen. Die Reibung. Das Leben das zwischen anderen stattfindet ohne dass man teilnehmen muss. Und die Weite vermisste man nach Tagen der intensiven Reibung. 

Vielleicht bin ich doch kein Mensch der völligen Weite. Vielleicht brauche ich das Meer und die Berge. Aber auch die Terrassen. Die Gespräche am Nebentisch. Das Gefühl, dass hinter der nächsten Straßenecke etwas beginnt.

Der Norden hat mich nicht verändert. Er hat mich erinnert.