Unterwegs
Was meint deine Mutter dazu.
Die Frage kommt oft. Gemeint ist sie gut, und trotzdem steckt darin eine Annahme, nämlich dass Mutters Meinung die Grenze markiert bis zu der Freiheit erlaubt ist.
Man wird als mutig und stark bezeichnet, ohne es selbst so zu sehen, zu spüren, zu betrachten.
Ich reise alleine. Ich bin eine Frau. Beides ist wahr und keines von beiden ist eine Erklärung für das andere.
Es gibt Momente wo die Verletzlichkeit real ist. Einen Platz im Nirgendwo der sich falsch anfühlt, und man sucht einen anderen. Das ist kein Eingeständnis von Angst, das ist das Gespür für sich selbst das man schärft je länger man unterwegs ist. Nicht jede Situation braucht Mut. Manche braucht nur das eigene Empfinden, und den Respekt davor.
Aber warum sollte ich keine Offroad-Strecken nehmen dürfen. Warum sollte ich mich abends nicht bewegen, nicht freiliegend schlafen, nicht durch Schluchten, auf Berge und durch Sanddünen wandern in einem fremden Land, nicht neben Männern Tee trinken, nachts den Sternenhimmel betrachten dürfen, keine Risiken eingehen, nicht vollständig leben in der Freiheit die mir gegeben wird.
Ich möchte die Gewalt nicht kleinreden der Frauen ausgesetzt sind. Die existiert. Und gleichzeitig: ich bereise die Welt mit einer Selbstverständlichkeit die sich nicht rechtfertigt. Nicht weil ich unvorsichtig bin, sondern weil Vorsicht nicht dasselbe ist wie Einschränkung. Man kann beides tragen, die Wachheit und die Weite.
Was ich in Marokko erfahren habe ist das. Freundlichkeit die keine Gegenleistung erwartet. Ein Handy das dreimal klingelt und weggedrückt wird bis das Auto befreit ist. Menschen die helfen weil es das Selbstverständliche ist. Eine Welt die weiter ist als Angst sie lässt.
Es ist das Gleiten in eine Kultur. Das Nehmen wie Menschen leben ohne zu urteilen und ohne zu erwarten. Dankbarkeit, nicht als Geste sondern als Haltung. Genügsamkeit die keine Armut ist. Würde die sich nicht aufdrängt aber da ist. Immer da ist.
Ich wünsche mir eine Welt in der das normal ist. Dass eine Frau alleine reist und die Frage nicht mehr gestellt wird. Nicht weil die Frage böse ist, sondern weil ihre Abwesenheit bedeuten würde dass wir angekommen sind. Dort wo Freiheit nicht erklärt werden muss weil sie einfach gilt. Für alle. Gleichermaßen.
Bis dahin lebe ich sie. So vollständig wie ich kann. Weil ich es kann. Und weil die die es nicht können vielleicht darin etwas sehen das ihnen gehört.
Ein Abschluss
Marokko fängt mit Salz an und fügt sich in Mosaiken. Stück für Stück zu erschließen. Zu fühlen. Zu spüren mit allen Sinnen. Ein Genuss. Eine Anstrengung. Eine Erfahrung. Aber eine Reise wert.
Das Meer das einen hinüberträgt, der erste Atemzug an Deck wenn Afrika schon riecht bevor es zu sehen ist. Dann das Chaos das einen begrüßt und gleich wieder loslässt. Und von dort eine Reise die sich entfaltet wie ein Teppich den man noch nicht ganz versteht, weil das Muster erst sichtbar wird wenn man zurücktritt.
Eine Medina die einen schluckt und wieder ausspuckt und in der man sich fragt ob die Gerbereien genauso riechen wenn kein Tourist zuschaut. Das Lächeln das keine Sprache braucht.
Licht das auf Terrakotta fällt und Gold macht und Rot und wieder sich selbst. Der Atlas dahinter, schneeschwer, unwirklich nah.
Gewürze und Brot und Grillrauch und der Muezzin der einsetzt und die Gassen durchschallt.
Ein falsches Navi das in ein abgelegenes Dorf führt, fünfzehn Kilometer Offroad, ein Ford Bus der voranfährt und die Entscheidung abnimmt. Vier Männer, ein Wagenheber, einige Steine und das Gefühl dass diese Freundlichkeit kein Zufall ist sondern Haltung. Tee getrunken bevor das Problem gelöst war.
Die Klippen, das Meer darunter, die Bialetti auf dem Campingkocher, ein windschiefer Baum. Das Gefühl dass Marokko einen langsam loslässt ohne dass man es bemerkt.
Straßen die von Schlaglöchern durchsäumt und von Kreisverkehren gesäumt sind, die zur Flussüberquerung zwingen. Oft unerwartet landet man in kleinen steilen Gassen der Medinas, auf steinigen Offroad-Abschnitten oder von Wasser durchdrungenen Passagen. Es macht einen zur vorausschauenderen Fahrerin.
Kühe die stur die verlassene Kreuzung im Vorfahrtsmodus kreuzen. Kamele die in Herden am Straßenrand das Gras suchen oder aus Straßengräben hervorlugen. Schaf- und Ziegenherden die einen abbremsen und in einen Slow Mode versetzen. Esel die voll beladen am Straßenrand entlanggeführt werden. Katzen die im Halbschlaf alle Sonnenstrahlen auf dem gewärmten Stein aufsaugen. Streunende Hunde die mitten in der Nacht auf der Suche nach Wasser das Auto umrunden.
Wochen die dahinflogen ohne es zu spüren. Eine herzliche Kultur die mit einem Lächeln grüßt. Eine Natur die in ihrer Vielfalt kaum greifbar ist. Stunden und Kilometer auf der Straße die kurvend neue Horizonte hervorbringen.
Und die Franzosen die man trifft und die hiergeblieben sind. Die sagen dass sie nicht mehr zurückkönnen. Die man im ersten Moment nicht ganz versteht und im zweiten sehr wohl. Weil man ganz tief etwas gespürt hat in diesen Wochen, etwas das sich nicht benennen lässt aber sitzt. Die Seele dieses Landes die einen ansieht und fragt ob man bereit ist sie zu sehen. Und wenn man ja sagt, einen nicht mehr ganz loslässt.
Marokko ist das Land das einem gibt ohne zu fragen was man damit macht. Das einen hindurchlässt ohne zu verlangen dass man es versteht. Das in seiner Freundlichkeit so selbstverständlich ist dass man sich fragt ob man das verdient, und dann aufhört zu fragen weil die Antwort nicht wichtig ist. Und man läuft lächelnd durch die Gassen. Betrachtet nachts mit einem Staunen und Lächeln die Sterne. Lächelnd vor Dankbarkeit. Man nimmt was gegeben wird. Man gibt zurück was man kann. Das ist genug.
Und irgendwo gefangen zwischen den Sprachen der Welt. Die manchmal keine Sprache brauchen und dennoch ein Lächeln hervorrufen.
Das Salz bleibt auf der Haut noch eine Weile nach der Fähre.
Reinigende Hauptstadt
Rabat reinigt schon allein in der Betrachtung. Das merkt man sofort. Breite Straßen, gestutzte Bäume, Parkflächen die tatsächlich gepflegt sind. Eine Stadt die sich etwas vornimmt und es umsetzt, die Hauptstadt spielt und es nicht verleugnet. Irgendwo zwischen den Palmen ein modernes Hochhaus das man hier nicht erwartet hätte, ein marokkanischer Khalifa der in den Himmel sticht und sich nicht entschuldigt dafür.
Die Stadt riecht nach Brot und Kaffee und Gewürzen, eine Frische darunter die man in Marrakesch nicht hatte. Kein schwerer Parfümschleier, kein Abgas der bleibt. Die Luft hier ist eine andere, sie lässt einen atmen. Ein streunender Hund schläft im Schatten einer gestützten Platane. Niemand stört sich daran.
Und doch sitzt Marokko an jeder Ecke. In den lauten Diskussionen auf dem Markt, im Gedränge der Altstadt wo Tourismuskram und echtes Leben nebeneinander liegen ohne sich zu stören. Teppiche in Rot und Ocker und Blau hängen über Eingängen, das Grün des Minztees schimmert in kleinen Gläsern auf Tabletts die jemand trägt. Tennisplätze. Eine Pferderennbahn. Eine Lebensqualität die man spürt ohne zu wissen wo genau sie herkommt.
Die Kasbah liegt am Meeresrand, Blau und Weiß, ein bisschen zu sehr hergerichtet und trotzdem ruhig. Das Blau der Wände ist nicht das Blau von Chefchaouen, es ist heller, atlantischer, vom Wind ausgeblichen. Davor versuchen Surfanfänger Wellen zu reiten die keine Geduld mit ihnen haben. Man schaut zu und denkt nichts dabei und findet sich plötzlich sehr still.
Der Hassanturm steht unvollendet auf seinem Platz, umgeben von Säulen die nie eine Decke getragen haben. Er ist größer als erwartet und ruhiger. Das Unfertige hat hier keine Melancholie, es hat Würde. Daneben das Mausoleum, weißer Marmor, königliche Garde, Mohammed V. überall. Auf Plätzen, auf Fassaden, in Gesichtern die mit Stolz darauf zeigen.
Irgendwo dazwischen ein Garten. Orangenbäume, Brunnen, das Grün das man in dieser Dichte nicht erwartet. Man setzt sich kurz. Man bleibt länger. Eine Oase die nicht zufällig entstanden ist sondern gewollt, gepflegt, gehalten, als hätte die Stadt beschlossen dass Stille auch zur Hauptstadt gehört.
Rabat lässt einen in Ruhe. Das ist seltener als man denkt.
Was das Wasser trägt
Taghazout macht einem nichts vor. Es ist was es ist, und es weiß es.
Die Wände sind bunt gestrichen, die Cafés haben Matchalattes und vegane Bowls auf der Karte, French Tacos an jeder zweiten Ecke. Marokko ist hier ein Hintergrund, eine Kulisse aus Stein und Gasse hinter der sich das eigentliche Leben abspielt. Wer marokkanische Kultur sucht findet sie nicht, oder nur in Spuren, dünn wie der letzte Rest Salzwasser auf der Haut wenn die Sonne ihn trocknet.
Und trotzdem.
Das Wasser trägt. Das ist das Erste und das Letzte was zählt. Das Brett, die Welle, die Sekunde des Gleichgewichts die keine Sekunde ist sondern ein ganzer Moment. Salzwasser im Körper, Sonne und Salz auf der Haut, diese spezifische Erschöpfung die keine Erschöpfung ist sondern Füllung. Man kommt aus dem Meer und ist mehr als vorher.
Die Menschen hier sind zwischen den Dingen. Zwischen Jobs, zwischen Entscheidungen, zwischen einer Woche Auszeit und einem Leben das gerade neu sortiert wird. Workation Laptops in Cafés mit Meeresblick. Surfcamps deren Schilder versprechen was das Wasser dann tatsächlich hält. Yoga auf Dachterrassen. Ein Skaterpark am Abend der alle zusammenbringt, die Einheimischen und die Durchreisenden, und aus dem Staunen macht.
Es ist die Gemeinschaft die diese Stadt trägt. Das Zusammensein mit Menschen die alle kurz innegehalten haben, aus welchem Grund auch immer. Man redet leichter hier. Man fragt weniger warum.
Ohne all das wäre Taghazout ein Dorf aus Stein am Meer. Mit all dem ist es ein Gefühl das man schwer erklärt wenn man zurück ist.
Küstenhimmel
Die Küste wird rauer je weiter man nach Norden fährt. Die Klippen fallen steil ab, das Meer darunter grün und unruhig, der Himmel hängt tief und grau wie ein Tuch das man noch nicht weggeräumt hat. Imsouane kündigt sich nicht an. Es ist einfach plötzlich da, ein kleiner Hafen, ein paar Boote, Stille die eine andere Qualität hat als die Stille davor.
Der Sonnenuntergang hier geht ins Wasser. Silhouetten von Menschen die auf den Felsen stehen, ein einzelner im Meer, das Licht das nicht dramatisch ist sondern einfach schön und das sich nicht rechtfertigt. Die Bialetti auf dem Campingkocher, ein windschiefer Baum daneben, das Meer irgendwo hinter dem Horizont.
Auf einer Terrasse irgendwo eine Yogamatte auf rotem Boden, Holzbalken, Olivenbäume, der Atlantik in der Ferne. Dieser Moment wo Marokko aufhört zu erklären und einfach sein lässt.
Man merkt es nicht sofort, aber irgendwo zwischen dem Kaffee und dem Blick auf die Klippen hat sich etwas verschoben. Das Land lässt einen langsam los.
Weißblau
Weiß und Blau. Das ist der erste Eindruck und er hält. Die Medina von Essaouira hat keine Terrakottafarbe, kein warmes Ocker, nur dieses Weiß das im atlantischen Licht fast blendet und das Blau der Fensterläden und Türen das dagegen steht wie ein Gegenargument. Eine Stadt die sich anders anfühlt als alles was davor kam. Kühler, ruhiger, vom Wind durchzogen.
Der Hafen liegt offen vor einem. Fischerboote in Blau und Schwarz liegen dicht gedrängt, die Farbe blättert, die Nummern verblassen, das Wasser darunter ruhig und grünlich. Möwen. Der Geruch von Salz und altem Holz und dem was vorhin noch im Netz war. Ein Leuchtturm der aussieht als wäre er schon lange kein Postkartensujet mehr sondern einfach da.
Die Medina öffnet sich durch schwere Tore und man ist drin. Überdachte Gassen wo das Licht in Streifen fällt, Teppichläden in denen die Farben von der Decke hängen bis zum Boden, Holzarbeiter in einem Innenhof der sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Ein Mann malt an der Stadtmauer, allein auf einem kleinen Hocker, ein Hund schläft daneben. Das Bild hat keine Eile.
Auf der Skala oben der Wind. Hier versteht man warum diese Stadt Kitesurfer anzieht und Schriftsteller, warum sie sich anders lebt als die anderen. Der Wind macht einen ruhiger, paradoxerweise. Er bläst alles weg was nicht festsitzt.
Minztee mit Meerblick. Kachelboden, Bougainvillea, ein Innenhof der 1908 heißt und es auch zeigt. Fontäne, Blumen, Bögen die in weitere Bögen führen. Das Internationale sitzt hier anders als in Marrakesch. Nicht Rooftop und Designerstühle sondern diese spezifische Mischung aus Hippie und Handwerk die Essaouira schon seit Jahrzehnten hat.
Eine blaue Tür. Verputz der abblättert. Kakteen in blauen Töpfen. Das Foto das sich ergibt ohne dass man es sucht.











Loslassen
Das Navi führt einen manchmal dorthin wo man nicht hinwollte und genau dorthin wo man hinmusste.Ein Schild. Tildi Beach. Und ein alter Ford Bus der abbiegt und die Entscheidung abnimmt. Die Straße wird enger, wird schottrig, wird offensichtlich nicht das was man sich vorgestellt hat. Jede vernünftige Stimme sagt wenden. Aber der Ford fährt weiter und man ist ja schon halb drin und irgendwann bricht rechts die Schlucht auf und man denkt, das wird schon besser werden.
Es wurde nicht besser.
4×4 Wagen kommen entgegen. Man weicht aus. Die Straße weicht auch aus, nach unten, steil, in Richtung eines Strandes der sich irgendwo unten versteckt. Nach über fünfzehn Kilometern dann ein kleines Dorf, eine Handvoll Häuser, stillgelegte kleine Unterkünfte, die Küste dahinter vollkommen ruhig. Eine Ecke die nicht weiß dass sie schön ist weil sie es einfach immer war.
Erst nach der Ankunft liest man nach. Nur für Vierradantrieb empfohlen. Bei Regen kommt man nicht mehr hoch. Man ist zu müde zum Hochfahren. Man bleibt.
Am späten Nachmittag dann der Versuch einen besseren Platz an der Küste zu erhaschen, näher ans Wasser, in den Sand hinein. Die Vorderräder drehen durch. Rückwärts. Leichter Schwung nach rechts vom Durchdrehen im Sand. Und dann der Moment wo der Wagen aufhört sich zu bewegen. Nicht nur Sand. Zwei Steine darunter, unsichtbar, unbeweglich. Der Wagen sitzt auf. Kein Heraus ohne Wagenheber.
Die Suche nach Unterstützung im verlassenen Dorf mit kaum Häusern und Einwohnern beginnt. Der Ford steht noch da, umringt von vier Zelten. Nach einem Glas Tee kommt der Fahrer zur Begutachtung der Lage. Versteht sofort. Erklärt auf Französisch, dass es so mit ihm nicht funktionieren wird. Es bedarf mehr helfende Hände und einen Wagenheber.
Inshallah.
Auf dem Weg zurück zum Ford laufen wir an den vier bestehenden Häusern vorbei. Die Einheimischen grüßen, tauschen sich auf Arabisch aus, hören zu und reden über Themen, die mit der eigenen Situation nichts zu tun haben. Man lernt dieses kleine Dorf durch seine Freundlichkeit kennen, durch die Art wie alle einfach näherkommen und schauen und mitdenken. Sie selbst stecken auch fest, ein anderes Problem, der Motor. Und in den Minuten des Wartens auf die Reiter für die die Zelte stehen liegt eine merkwürdige Stille über allem.Inshallah.Auf der vergeblichen Suche nach einem Wagenheber kommen drei Männer vom Fischen zum Auto zurück. Wann die Reiter ankommen ist unklar. Daher heißt es jede Chance zu nutzen.
Inshallah.
Ich, vier Männer, ein Wagenheber, einige Steine und mehrere Strategiewechsel später ist der Berlingo wieder frei. Inshallah.
Der ungläubige kopfschüttelnde Kommentar der Männer, wie ich allein mit einem TukTuk solche Wege fahre, bleibt im Nachgang bestehen. War ein Abenteuer.

Terrakottaleuchten
Terrakotta. Alles hier ist Terrakotta. Die Wände entlang der Gassen, das Licht wenn es nachmittags auf den verputzten Fassaden liegt. Eine Farbe die nicht endet.
Die Medina hat eine Logik die sich nur langsam erschließt. Immer dieselbe Gasse, immer derselbe Moment wo man erkennt, hier war ich schon. Und von dort wieder neu orientieren. Das funktioniert irgendwann.
Hintergassen wo die Lederarbeit noch Arbeit ist. Schuhsohlen die über dem Kopfsteinpflaster geschliffen werden. Taschen die entstehen. Häute gestapelt auf der Straße, ein Motorrad das sich vorbeischiebt, Männer die sitzen und schauen und arbeiten und reden. Kein Schild, kein Tourismus. Einfach Handwerk das schon immer hier war.
Wäsche waschen bringt einen in Ecken die kein Reiseführer beschreibt.
Die Stadt riecht. Kaffee und Gewürze, Brot das irgendwo hinter einer Tür gerade fertig wird, Minztee, der Staub der in der Luft liegt und sich auf alles legt. Abgase. Grillrauch. Das Parfüm der Touristinnen in kurzen Ärmeln die an einem vorbeiziehen. Und dazwischen, kurz, das Leder aus den Gassen.
Als einzige Frau an einem kleinen Stand, Bohnensuppe in der Tonschüssel, warmes weiches Brot, frischer heißer Tee. Ein Lächeln das keine Sprache braucht. Das holt einen zurück in das Marokko das man zu schätzen gelernt hat, das Marokko das nicht für einen inszeniert wurde.
Kaffee an jeder Ecke. Teppiche. Gewürze in Kegeln aufgehäuft. Öl in Flaschen ohne Etiketten. Gewürztee gegen alles und für alles. Friseurläden in denen die Kundschaft gepflegt sitzt, modern gekleidet, der Laden selbst auch. Nebenan ein rostiges Fahrrad angelehnt an eine Terrakottawand. Beides existiert ohne den anderen zu bemerken.
In den grünen Parks entlang der Hauptstraßen wird Schatten gesucht. Die Ruhe sitzt hier direkt neben dem Lärm und stört sich nicht daran.
Im Jardin Majorelle tummelt sich der Tourismus. Tickets erst zwei Tage später wieder verfügbar. Im Bahia-Palast drängt sich die Masse durch die Innenhöfe, aber das Holz und die Farben strahlen trotzdem Ruhe aus. Dunkles Rot und Blau als Fundament. Bunte Mosaikplatten die die Wege leiten. Begrünte Innenhöfe mit Orangenbäumen. Man sucht die stillen Ecken und findet sie.
Der Djemaa el-Fna Platz am Abend lädt zum Streunen ein. Grillstände deren Rauch in den rosa Himmel steigt, die Koutoubia dahinter beleuchtet, ruhig, unveränderlich über dem ganzen Treiben. Saftstände mit Pyramiden aus Orangen. Stände mit Ölen und Tinkturen und Dingen deren Namen man nicht kennt. Der Muezzin setzt ein und es folgen die Klänge der anderen. Ein 360 Grad Hall der über die Dächer zieht und alles kurz zum Stehen bringt. Nur kurz.
Über den Dächern dann Lichterketten. Rooftop Terrassen mit Kissen und Blick, modernes Interieur, internationale Kundschaft. Ursprung und Moderne, das Marokkanische und das Internationale, nebeneinander ohne sich zu erklären. Die Stadt von oben ist eine andere als die von unten.
Und dahinter immer dahinter, der Atlas. Schneeweiß über Palmen und Satellitenschüsseln.


























Aït Benhaddou
Am Rand des Canyon stehend. Ein durchgängig wehender Sturm, der fragt ob der Wagen umkippt. Umparken. Kurze Entscheidung, andere Stelle, andere Position, für den besseren los Schutz.
Typisch. Beim Rangieren über die Solarpaneele gerollt, flach unter dem Boden verstaut und zwei Reifen drüber. Es war nur eine Frage der Zeit.
Die Nacht wurde ruckeliger als die Fähre. Wie ein Schlagloch das man durchfahren hat. Und doch war es jeder Zweifel wert.
Der Sonnenball am morgen, der vor einer Bergschicht sich empor hebt. Beobachtend aus dem Van. Ein Augenblick des Durchatmens. Gefangen im Bann des Moments. Surreal, dass dies zur gleichen Zeit existiert, während an anderen Stellen der Welt Krieg herrscht. In kurzer Schlafanzughose, Kamera in der Hand, um das Licht das auf Aït fällt festzuhalten. Terrakotta wird gold wird rot wird wieder sich selbst. Im Hintergrund die Atlaskulisse, schneeschwer, unwirklich nah. Der Wind und die kühle Luft ziehen mich schnell zurück in den Schlafsack.
Ein Berlingo etwas weiter weg geparkt erweckt Neugierde. Einfacherer Ausbau. Derselbe Wagen, anderes Leben darin. Ein Austausch über Stellplätze und Routen, über Reisen und das Leben. Dieser leichte Wiedererkennungsmoment zwischen Menschen die denselben Weg wählen.
Dann mit dem Rad hinein in das Ksar selbst. Die Lehmtürme halten ihr Licht auf eine Art die man nicht fotografiert bekommt. Und es wird klar, warum es für die Filme und Serien als atemberaubende Kulisse diente.







Kurvend zwischen Schlucht und Atlas
Hätte ich eine Lieblingsstrecke, wäre es diese. Von der Todgha Schlucht über die Dadès Schlucht und Aït Benhaddou bis Marrakesch. Rote Felsenformen, gerade geschliffene Plateaus und weiße Atlasspitzen am Horizont.
Zwischendurch fragt man sich, wo Marokko im weltweiten Vergleich bei der Anzahl an Kreisverkehren steht. Immer dasselbe Spiel. Kreisverkehr. Polizeikontrolle. Kreisverkehr. Polizeikontrolle. Links blinken für die dritte Ausfahrt, nicht blinken bei der zweiten, rechts blinken bei der ersten. Eine Kombination, die jeden Mietwagen identifiziert, der erst bei der Ausfahrt blinkt. Dazwischen Schotter und Schlaglöcher. Bis ein kleiner Ort mit überlaufenden Straßen einen durch die Erdwege seiner Hintergassen bewegt. Bis man merkt, dass man sich längst nicht mehr verlaufen kann.
Die Warnschilder wechseln ihr Personal. Vorsicht Kamele werden zu Vorsicht Schafe, bis am Ende Kühe das letzte Wort haben.
Die Todgha Schlucht lädt zum Klettern ein und wird trotzdem durchfahren. Die Straße säumt sie auf beiden Seiten. Ein kleines Flüsschen zieht sich seicht hindurch. Dunkelrote Felsen steigen steil nach oben. Den Kopf zum Bestaunen in den Nacken gelegt. Der Weitblick ergibt sich dann erst bei einer kleinen Wanderung in einem Seitental.
Die Dadès Schlucht zeigt sich anders. Flacher zuerst, dann spitzer werdende Felsformationen, die man hier Affenfinger nennt. Typisch ich, das Tal ohne Karte, ohne Internet, ohne Plan durchwandern zu wollen. Eine Klettereinheit war vorprogrammiert. Einem Einheimischen, der auf den Felsen saß und sich als Guide anbot, wurde kein zusätzliches Vertrauen geschenkt. Weiter ging es an den Felsen entlang, auf der Suche nach Wanderspuren und möglichen Wegen. Der Abstieg endete im Flusstal. Mit einem Panoramablick auf die Felsenformation, der es wert war. Auf der anderen Seite, ähnlich wie einst in Argentinien, regenbogenfarbige Farbverläufe im Gestein. Ein Blau, Grün, Lila, Rot, das aus der Entfernung fotografisch nie die Wirkung zeigt, die das Auge spürt. Das Schlängeln entlang der dunkelroten Schlucht war idyllischer und beeindruckender als die Todgha. Aber Geschmäcker sind verschieden.
Weiter, an Bikepacking Radlern vorbei. Gerade abgeschnittene Plateaus in Rot wirken durch die weißen Atlasspitzen noch intensiver. Der Anblick von Schneebergen auf 3.000 Metern lässt das Herz aufgehen.Ein kurvenreiches Schlängeln durchs Gebirge, das sich minütlich wandelt. Braun und abgerundet, dann von grünen Pflanzen gesäumt, um im Hintergrund dunkelbraun steil aufzusteigen. Hügel und Berge reihen sich aneinander zu einer farblichen Vielfalt, die unglaubliche Ruhe ausstrahlt und Faszination versprüht.
Dann die engen Gassen der Medina von Marrakesch. Eine Touristin, schwitzend, Fahrrad am Träger, versucht sich durch das Chaos aus Rollern, rostigen Rädern, schwärmenden Menschen und alten Autos zu schlängeln. Bis sie zurückgerufen wird. Google Maps weiß nichts vom Schmälerwerden der Straßen. Wenden mit eingeklappten Seitenspiegeln zwischen Rollern wird zur Kunst. Danach fühlt man sich allem gewappnet. Und trägt das Gefühl, dass selbst Berliner Verkehr angenehm ist.
Nach Kaffee, Friseurbesuch und Essen in der Idylle eines verhältnismäßig hochpreisigen Restaurants endet der Tag am Stellplatz im Grünen. Mit Blick auf die Atlasspitzen.













Zehen im Saharastaub
Es gibt Orte, die man nicht beschreiben kann, ohne dass die Worte sofort zu klein werden. Die Wüste ist einer davon.
Die Zehen bohren sich in den Sand, langsam, fast vorsichtig. Bohrend in der vollen Gewissheit, dass genau dieser Sand auf dem Rückweg zu heiß sein wird. Trotzdem geht man weiter mit den Flipflops in der Hand. Tiefer hinein in die Weite der Dünen. Als würde etwas ziehen, leise, aber bestimmt.
Quads schneiden Linien in die Hügel, ziehen Bögen, die der Wind wenige Stunden später wieder versucht zu verwischen. So wie die Kanten der hohen Dünen. Kamelkarawanen bewegen sich in einer Ruhe. Schritt für Schritt, als hätten sie alle Zeit dieser Welt.
Die Dünen verändern sich mit jedem Atemzug des Lichts. Orange wird zu Braun, Braun zu Gelb, dann wieder zurück. Schatten legen sich wie weiche Tücher über die Kanten, in den goldenen Abendstunden und dem frühen Morgenerwachen. Es ist ein Spiel zwischen Licht und Wind. Sand und Sonne im ständigen Gespräch.
Der Sonnenaufgang tastet sich manchmal zaghaft durch dünne Wolken, als würde er erst prüfen, ob die Welt bereit ist. Um sich am Abend in einen großen runden Ball zu verwandeln der sich langsam senkt. In einem Tiefdunkelorange, fast unwirklich. Majestätisch, ohne sich je bemühen zu müssen.
Essen und Tee schmeckt anders hier. Einfacher. Ehrlicher. Ein bisschen bitterer. Die Zähne putzt man unter einem Himmel, der zuviele Sterne kennt, die sich sanft über den Hauch der Milchstraße legen.
Dann der Wind.
Er kommt nicht vorsichtig. Er stürmt einfach los. Der Beduine klopft an der Tür mit der Vorwarnung. Man öffnet die Tür nur einen Spalt und der Sand ist sofort überall. Auf den Lippen, zwischen den Zähnen, im Haar, auf der Haut, zwischen den Seiten des Buches. Legt sich schnell über die Inneneinrichtung. Die Wüste erinnert einen daran, wer hier zu Besuch ist und wie rau sie sein kann.
Und dann ist da diese Weite.
Unberührt. Still. Fast überfordernd in ihrer Ehrlichkeit. Keine Ablenkung, kein Lärm, nichts, woran man sich festhalten kann. Man sitzt darin und denkt. Versunken in den Gedanken der Welt. Gedanken über das Sein. Darüber wie die Welt so erschütternd und wundervoll zugleich sein kann. Oder man denkt nicht mehr. Beides fühlt sich plötzlich gleich richtig an.
Die Gedanken werden größer und kleiner zugleich. Wichtiges verliert an Gewicht, Unscheinbares wird klarer. Vielleicht ist das das Einzige, was die Wüste wirklich tut. Sie verschiebt die Maßstäbe. Verrückt die Welt ein wenig.
Und irgendwo zwischen Sand und Sonne, zwischen Hitze und Stille, entsteht für einen Moment dieses Gefühl von etwas, das im Alltag keinen Platz hat. Eine endlose, fast greifbare Freiheit.











Linien, die sich ziehen
Die Türen stehen offen, wie ein Raum, der sich der Landschaft hingibt. Innen warmes Holz, draußen dieses gedämpfte Licht, das in die Ziz Schlucht fällt. Ein Licht, das nicht ganz Abend ist, aber auch kein Tag mehr sein will. Die Art von Moment, in der alles langsamer wird, ohne dass man es bewusst entscheidet.
Die Schlucht zieht sich durch die Landschaft wie eine Erinnerung, die nie ganz verschwindet. Schicht für Schicht hat sich das Gestein abgelegt. Am Eingang der Schlucht legen sie sich wie flache Fladen aufeinander. In der weiteren Tiefe, fällt das orangerote Gestein steiler ab in ein mit grünen Palmen durchzogeneb Tal. Nichts hier ist eilig. Alles wirkt, als hätte es sich genau so fließend ergeben müssen.
Eine kurvige, stellenweise unübersichtlich Fahrt führte hin. Und dann eröffnet sich die Schlucht vor einem. Man steht da, steigt aus, schaut, und versteht, dass genau das alles richtig ist.
Der Wind bewegt die Zweige, streift durch die Schlucht, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Luft ist trocken, aber nicht leer. Sie trägt etwas. Ruhe und den Raum, in dem Gedanken endlich langsamer werden.
Irgendwo weiter unten im Tal liegt Grün zwischen all dem Staub, ein Versprechen, dass selbst hier etwas wächst. Die Straße folgt dem Fluss, als hätte sie sich ihm ergeben. Kurve um Kurve schiebt sich die Landschaft auseinander, öffnet sich wieder, zieht sich zusammen. Die Ziz Schlucht gibt nichts preis, was nicht verdient ist. Stein, Staub, Zeit. Alles liegt offen und bleibt doch schwer zu greifen.
Man blickt auf die Weite der Schlucht, ohne etwas zu suchen. Kein konkreter Plan für den nächsten Tag. Nur dieses leise Wissen, dass nicht alles festgelegt werden muss. Dass es reicht, hier zu sitzen, den Blick über die Felsen wandern zu lassen und zu spüren, wie sich etwas sortiert, ohne eingreifen zu müssen.
Manchmal sind es genau diese Zwischenmomente, die bleiben. Nicht die Strecken, die man geplant hat. Sondern das Innehalten dazwischen. Dieses leise Einverständnis mit sich selbst, dass man gerade genau richtig ist. Die Freiheit des Bleibens.
Man denkt nicht an das, was kommt. Nicht an das, was war.
Nur an diesen Moment, in dem alles gleichzeitig stillsteht und weitergeht.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Orten wie diesem. Nicht das, was man sieht. Sondern das, was sich verschiebt, ohne dass man es benennen kann.
Irgendwann werde ich die Türen schließen, den Motor starten, weiterfahren. Die Schlucht hinter mir lassen, so wie man Orte immer hinter sich lässt.
Man fährt lange genug, dass sich der Blick daran gewöhnt. An die Farben, die kaum variieren. An das Licht, das alles gleichmäßig überzieht. Und genau in dem Moment, in dem man aufhört, etwas zu erwarten, passiert es.
Ein unerwartetes Azurblau. Der See liegt plötzlich da, als hätte ihn jemand zwischen die Hügel gesetzt und vergessen zu erklären, warum. Kein Übergang, kein langsames Annähern. Nur dieses Aufbrechen der Landschaft in etwas Kühles, Ruhiges, fast Unwirkliches. Der Ziz Reservoir hält den Blick fest. Man hält an. Steigt aus. Und merkt, wie sich die Wahrnehmung verschiebt.Dass selbst in dieser kargen Weite etwas auftauchen kann, das nicht angekündigt wird.
Die Fahrt geht weiter. Der Canyon wird weiter, flacher, die Linien weicher. Palmen tauchen wieder auf, dann verschwinden sie. Dörfer, die sich kaum bemerkbar machen. Straßen, die mehr Verbindung als Ziel sind. Bis Merzouga sich langsam ankündigt. Erst als Ahnung, Übergang und plötzliche Erscheinung. Schließlich als dieses leise Einverständnis mit der Wüste. Den Van am Rande eines Beduinencamps geparkt. Der Sand beginnt direkt hinter den letzten festen Spuren.
Abends wird das Licht weich. Die Dünen verändern ihre Form mit jeder Minute, als würden sie sich selbst neu zeichnen. Man läuft hinauf, Schritt für Schritt, der Sand gibt nach, macht jeden Weg langsamer, bewusster. Oben dann dieser Moment, in dem alles still wird. Die Sonne sinkt, und die Farben kippen von warm zu kühl, von Gold zu Blau.
Aber etwas bleibt.
Nicht greifbar.
Nicht festzuhalten.
Eher wie eine Linie im Inneren, die sich leise weiterzieht, so wie die Ziz Gorge selbst bis nach Erg Chebbi.





Gassen, die sich verlaufen
Man sucht nach Orientierung. Nach dem offenen Ende der Gassen in Fès el-Bali. Die Stadt übt sich in Geduld, den richtigen Weg zu finden, mit allen Umwegen, die dies in sich birgt. Nach einer halben Stunde steht man wieder am selben Punkt. Man sieht und spürt es sofort. Die gleiche abgeblätterte Wand, das gleiche Schild, der gleiche Verkaufsstand, die gleiche Katze, die einen ansieht, als hätte sie das schon erwartet. Man ist im Kreis gelaufen. Man wird es wieder tun.
Das System der 9.000 Gassen der Medina existiert, wenn man es kennt. Die quadratischen Straßenschilder führen irgendwohin. Bestenfalls nach draußen. Die sechseckigen enden in Innenhöfen oder vor kleinen Türeingängen. Man lernt es irgendwann, aber erst nachdem man die Sackgassen mindestens einmal zu Ende gegangen ist.
Märkte unterschiedlicher Art gehen ineinander über, als wären sie durch die Gassen miteinander verschlungen. Dennoch spürt man die Unterschiede zwischen den einheimischen und den touristischen Ständen.
Die touristischen Ecken sind einladend inszeniert. Gürtel, Taschen, bunte Schuhe, Teppiche, gemusterte Schüsseln, Keramik und Tajineformen stapeln sich zu einem Bild, das fast zu perfekt wirkt. Dazwischen kleine Cafés und Restaurants mit englischen Menüs.
Die einheimischen Märkte wirken dichter, unmittelbarer. Obststände, frisch befüllte Brote an unscheinbaren Theken. Der Geruch nach Fisch, Gewürzen, Fleisch in jeder Form, oft kaum einem Tier zuzuordnen. Schafsbeine, Hühner in Käfigen, einfache Schuh- und Kleiderstände, süßes Gebäck hinter Plexiglasscheiben. Mehr beobachtende Blicke als Begrüßungsrufe auf Englisch. Zwischen einem lächelnden Salam, Marhaba und Bonjour, ohne mehr zu verlangen.
Und dazwischen immer wieder Farbe. Zitronen in einem Gelb, das frischer wirkt als jedes aus deutschen Supermärkten. Daneben Orangen, in Mengen aufgestapelt, als wäre Fülle hier kein Konzept, sondern Normalzustand. Man lässt sie frisch pressen, trinkt sie stehend. Ein kurzer Moment, in dem Fès aufhört, überwältigend zu sein.
Andere Gassen sind gesäumt von Stoffen in allen Farben. Nähmaschinen rattern, Webervorrichtungen nehmen den Laden ein. Holzschnitzereien entstehen im Licht einzelner Lampen am späten Abend.
Google Maps versucht, Ordnung zu schaffen, zeigt Wege, während der eigene Standort immer wieder neu gesucht wird. Oft vergeblich.
Man läuft weiter. Man verläuft sich wieder. Irgendwann hört man auf, dagegen anzukämpfen und lässt die Stadt führen. Die Straßen übernehmen, und man gleitet hindurch. Das ist vermutlich der Punkt, den Fès die ganze Zeit erreichen wollte.
Zum Klang des Muezzins leeren sich die Gassen für einige Minuten, um sich später wieder wie wenn nichts gewesen wäre zu füllen.
Am Ausgang der Medina sitzen Männer auf Plastikstühlen vor Cafés, kleine Kaffeegläser in der Hand, und beobachten das Geschehen mit einer gelassenen Distanz.
Terrassen auf den Dächern, Minztee, und bei den ersten Bissen der noch köchelnden Gemüsetajine merkt man erst, wie hungrig das Treiben durch die Stadt gemacht hat.
Unterhaltungen, die Neugierde wecken. Auf andere Leben, andere Philosophien, ähnliche und doch unterschiedliche Wertesysteme. Geprägt von Erlebnissen, Erfahrungen und Begegnungen.
Und am Ende des Tages stellt sich nicht mehr die Frage, wo man ist, sondern worauf es im Leben wirklich ankommt.
Vielleicht geht es nie darum, den Weg zu finden. Sondern darum, sich darin nicht zu verlieren.
In den kleinen, bunten Mosaiken, die sich Stück für Stück zu einem Bild zusammenfügen



















Die Straßen nach Fès
Von Chefchaouen nach Fès. Die Straßen zählen eine Vielzahl an Schlaglöchern, die irgendwann nicht mehr stören, sondern wortlos hingenommen werden. Ausweichen auf engen Straßen wird zur Kunst für Stoßdämpfer und Radlager, glücklicherweise vor Abfahrt nochmals festgezurrt.
Straßen, die sich durch die bergige Region schlängeln, um das morgendliche Einräumen wieder zunichtezumachen. Esel mit Grasbündeln auf dem Rücken zählt man nach Nummer zehn nicht mehr. Schafherden, alle mitten auf der Fahrbahn, alle der Meinung, dass sie Vorfahrt haben. Und die haben sie.
Ouezzane empfängt einen wie ein tiefes Durchatmen nach der blauen Intensität von Chefchaouen. Eine Marktstadt, in der der Alltag läuft.
Der Tankwart schaut das Fahrrad an wie ein Artefakt und spricht mich interessiert darauf an. Ein wenig ungläubig, aber grinsend, dass ich dieses auch fahre. Sein Französisch trifft auf meines, und irgendwo in der Mitte entsteht ein Lachen mit geglaubtem Verständnis.
Der weiße Berlingo ist in Marokko vorwiegend ein Transportwagen oder ein Taxibus. Kein Zuhause auf vier Rädern für eine Frau mit Fahrrad. Daher tauschen sich Hände in der Luft am Straßenrand beim Näherkommen in eine überraschte, irritierte Realisierung und gleiten schnell wieder nach unten. Eine freundlich gemeinte Verwunderung, der man hier unzählige Male mit einem Lächeln begegnet.
Die Landschaft beginnt sich zu öffnen. Olivenhaine in klaren Linien gepflanzt, geometrisch, fast deutsch in ihrer Ordnung. Andere eher beiläufig aneinandergereiht, wie Olivenkerne, die auf den Boden fielen, um zu schauen, was daraus erwächst. Der Geruch kommt durch die offenen Fenster. Ölig, warm, ein bisschen bitter. Eine Biegung weiter erwarten einen Orangenplantagen. Dann Getreidefelder, die flach und weit werden wie ein Atemzug. Felsenausschnitte, an die sich weiße Häuser schlingen, als hätten sie sich dort eingenistet, weil es keinen anderen Platz gab.
Kreisverkehre. Polizeikontrollen. Kreisverkehre. Polizeikontrollen. Marokko reguliert seinen Verkehr mit Enthusiasmus. Dagegen wirkt der Blinkereinsatz wie eine Anstrengung zu viel, während die Lichthupen die Luft durchschneiden.
Eine Durchfahrt mit Innehalten. Mit Stadtmauern aus dem 17. Jahrhundert ist Meknès eine der vier Königsstädte Marokkos. Weniger überlaufen als Fès, weniger inszeniert als Marrakesch. Eine Stadt, die ihre Geschichte trägt, ohne sie dauernd zu erklären.
Azrou und der Zedernwald kommen danach wie eine Erklärung. Alte Zedern säumen die Straßenränder, hoch und still. Dazwischen die Berberaffen, die einem mit der Gleichgültigkeit von jemandem begegnen, der schon viele Touristen gesehen hat und trotzdem neugierig bleibt.
Ifrane ist ein Schock im besten Sinne. Mitten im Atlasgebirge, auf 1.650 Metern, steht eine Stadt, die aussieht, als hätte jemand ein Schweizer Dorf hierher versetzt und vergessen, es wieder abzuholen. Spitzdächer. Rote Ziegel, manche grün. In dunklen Tönen gefärbte Fensterläden. Saubere Straßen. Kein weißes Flachdach weit und breit.
Die Warnschilder wechseln von „Vorsicht Schafe“ zu „Vorsicht Schnee“. Der Stellplatz liegt am Rand, wie mitten im Wald, eingebettet in Bäume, die fast nach Schwarzwald riechen, fast nach Harz, fast nach einem anderen Kontinent. Fast.
Die Landschaft nach Fès fließt langsam aus dem Gebirge heraus. Apfelplantagen. Terrassen. Das Tal öffnet sich. Die Stadt kündigt sich an, bevor man sie sieht.
Fès wartet nicht.
Es beginnt einfach mit einer roten Ampel.




Eine azurblaue Kulisse.
Chefchaouen. Eine Stadt, die weiß wie sie aussehen möchte und sie lässt es dich wissen.
Das Azurblau ist überall. Nicht als Farbe die irgendwann aufgehört hat, sondern als Entscheidung die täglich erneuert wird. Blauton-Abstufungen von Azur zu Aqua bis Indigo. Jemand streicht gerade. Jemand anderes hat gerade aufgehört. Die Leiter lehnt noch an der Wand. Dazwischen schlafen die Katzen als gehören sie genau dorthin. Finden die Ruhe in den kleinen Sonnenstrahlen die auf den Treppenverlauf brechen. Die Ruhe, die ab der späten Vormittagszeit von den Besucherströmen abgelöst wird.
Die Souvenirs und Teppiche die die Gassen säumen, die kleinen Fähnchen, die Ströme von Kameras. Das alles gehört vermutlich dazu und man lässt es passieren. Mich zieht es weiter, hangaufwärts, wo die Gassen leerer werden und hangabwärts hinaus aus der Blauen Medina wo plötzlich ein Café auftaucht an dem Männer sitzen und dem Treiben zuschauen als wäre es das Natürlichste der Welt. Kein Englisch. Nur Tee und Kaffee. Und der Lärm, der hier unten schon fast Stille ist.
Das ist der Ort wo ich am liebsten sitze. Nicht in der blauen Kulisse, sondern an ihrem Rand.










Tanger. Eine Stadt, die dich ansieht.
Es gibt Städte, die man betritt. Und es gibt Städte, die einen empfangen.
Tanger gehört zur zweiten Sorte. Und spuckt einen dabei in den Trubel der kleinen steilen Gassen. Sie zwingt einen zum Aufmerksamsein. Aus jeder Nische konnte etwas entspringen. Im ersten Gang die Steilen Wege mit abruptem Halten, um den Menschenströme auszuweichen. Eine Stadt die lebt in der Vielfalt von drei Sprachen. Man fängt den Satz in Französisch an, um ihn auf Spanisch zu beenden und ein neues arabisches Wort zum Abschluss zu lernen.
Die kleinen Straßen öffnen sich wie Sätze, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Boutique an Boutique, blaue Türen, Farbe, die abblättert, nicht aus Vernachlässigung, sondern weil die Zeit hier einfach anders läuft. Langsamer. Ehrlicher. Als hätte die Stadt entschieden, dass Patina schöner ist als Perfektion.
Ich kaufe Brot. Flach, frisch, noch warm innen, so weich, dass man für einen Moment vergisst, was man sonst noch alles wollte. Der Verkäufer lacht, als mein Französisch an seine Grenzen stößt, und dann lehrt er mich das Wort auf Arabisch, mit einem Lachen von einem so positiven Beigeschmack, dass ich noch Minuten später auf der Straße darüber lächle. Das ist es manchmal. Ein paar Worte. Ein Moment. Ein Lachen zwischen zwei fremden Menschen, die sich nichts schulden und sich trotzdem kurz gehören.
Die älteren Frauen im Park halten ihre Gläser Minztee wie kleine Wärmeinseln in den Händen. Sie sitzen. Sie beobachten. Sie kommentieren, oder auch nicht. Daneben Männer, die auf Spanisch und Arabisch versuchen, sich zu verstehen, während einer von ihnen einen Alueimer voller heißem Kaffee mit kleinen Pappbechern urch die Gassen trägt. Als wäre das selbstverständlich. Als wäre Wärme immer etwas, das man teilen kann.
Die Gemüsestände färben die Straßen in Erdbeere, Orange, Sonnengelb. Farben, die man schmecken kann, bevor man sie berührt.
Tee wird hier nicht nur getrunken, er wird vielmehr serviert. In Kännchen, in Gläsern, mit tiefgrünen Minzblättern, die wie kleine Fahnen im unteren Teil des Glases lauern. Bestellt man ohne, legt man trotzdem Zuckerstücke daneben. Weil die Möglichkeit der Süße immer offen bleiben soll. Vielleicht damit die Welt hier immer ein wenig süßer schmeckt.
Im Barbershop richtet ein junger Mann den Kragen seines Hoodies im Spiegel. Laute Musik, noch keine Kunden, die Hände ruhig und sicher. Ein verdutzer Blick der sich ertappt fühlt. Vielleicht ist das auch eine Form von Vorbereitung auf sich selbst.
Und dann weiß gestrichene Fassaden rund um das französische Konsulat. Ein Hauch Paris, ein Hauch Kolonialzeit, der einem kurz den Atem hält. Ein Altherrencafé mit alten Ledersesseln in dem man die Frauentoilette suchen muss. Das Fußballspiel auf den Bildschirmen scheint das männliche ältere Publikum mit Klasse beim Nachmittagstee besonders zu beschäftigen. Geschichte, die nicht verschwunden ist, nur übermalt wurde. Neu bepinselte Hauswände nebenan. Altes und Neues, die sich nicht streiten, sondern einfach nebeneinander stehen.
Was mich an Tanger überrascht hat, ist nicht das Fremde. Es ist die Vertrautheit im Fremden. Der Wunsch, verstanden zu werden. Die Geste, die keine Sprache braucht. Das Treiben, das einen durch die Gassen trägt. Die Lässigkeit, die vergessen lässt, was man eigentlich machen wollte. Ein Trubel, der so viel Ablenkung gibt, dass man selbst keine mehr benötigt.
Dem entgegen die Meeresküste. Die Medina innen, das Meer außen. Die Küste am Abend wimmelnd von Menschen. Das Meer ruhig und sanft am Morgen und in der Nacht mit den eigenen Regeln, aber immer im Rhythmus der Wellen. Und an einem Punkt begegnen sich die Wellen des Atlantiks und des Mittelmeeres ganz sanft, um ineinander zu versinken.
Ich habe hier nichts gesucht. Und vielleicht ist das genau der Grund, warum ich etwas gefunden habe. Manche Orte lehren uns nicht, wie die Welt ist. Sie erwecken in uns, wie wir wo sein könnten.











Riviera di Levante
In Zoagli ist die Zeit nicht stehengeblieben, sondern einfach langsamer geworden. Die Farben hier haben weniger Entschlossenheit als die der Cinque Terre Dörfer. Kein leuchtendes Zitronengelb, kein postkartensattes Orange, sondern ein verblichenes Rosa, ein sanftes Ocker, Töne die so aussehen als hätten sie schon viel gesehen und nichts mehr beweisen müssen.
Das einzige Café das morgens Sonne hat, kennt seine Stammgäste beim Namen. Der Sonnenspalt fällt schmal herein und wächst dann langsam, während das Croissant das man isst nach gestern schmeckt und trotzdem passt. Der Kaffee ist ganz italienisch. Den Tratsch vom Morgen abholen. Kein Englisch, kein Tourismus, nur das leise Sinieren über den Alltag. Ein bisschen Altherrenduft liegt in der Luft, der an die eigenen Großeltern erinnert und daran, dass Vertrautheit auch ein Ort sein kann.
Auf dem Weg zur Küste könnte man Chiavari fast übergehen. Die Innenstadt lebt von einem funktionierenden Kern. Marktplätze, Cafés unter Arkaden, das alltägliche Treiben das sich selbst genug ist. Und fast beiläufig, die Hügel drumherum. Bauten auf Hügeln im satten Grün, die man nicht erwartet. Nicht pompös, nicht zur Schau gestellt, sondern in einer Schönheit die Ruhe wahrt. Als hätten sie keine Zuschauer nötig. An den Fassaden hängen Reklametafeln mit Pizza- und Trattoria-Aufschriften die noch schlafen, die erst zum Abend mit Leben und Licht erfüllt werden. Tagsüber sind sie nur Versprechen.
Von Chiavari aus dann auf dem Gravel, via Entella das Tal entlangschlängelnd nach oben. Das Vorderrad setzt durch den starken Gegenwind auf der Brücke kurz versetzt auf, und man wird langsamer. Es hüpft über einen Bambusstamm, bis ein Baumstamm das Ende der Fahrt ankündigt und ein Tragen zum Zuge kommt. Zurück über die Straße fliegend rufen „Ciao“s, fast ausschließlich von Männern, mit diesem beiläufigen Wohlwollen das man sich manchmal von der eigenen Sprache wünscht. Der Radtrend ist in den Beinen der Italiener längst Normalität sowie die langen Radhosen, die eindeutig nicht nur Jonas Vingegaard trägt. Bei den Frauen in der Ecke warten die Zweiräder vielleicht noch. Auf solchen Routen machen Coffee Stops plötzlich Sinn. Kurz rein, einen Espresso an der Kaffeebar, und weiter. Und man weiß beim Vorbeifahren nicht, ob die Focaccerien mit heruntergelassenem Rolladen ihre besten Zeiten hinter sich haben, oder ob es einfach der falsche Zeitpunkt ist, sodass sie wie tot erscheinen. Gleichermaßen beim Vorbeifahren an dunkel scheinenden Bars. Die Fassaden der Gebäude leicht eingegraut von den Abgasen der Jahre. Und irgendwo zwischen Carasco und Rapallo fragt man sich ob es eine Mindestgeschwindigkeit auf der Straße gibt für Rennräder, und ob diese für Gravels reduziert wird, und nochmals reduziert wenn die Saison gerade erst begonnen hat. Es ist vermutlich eines der Länder wo man sich auf dem Rad gleichzeitig sehr wohl und sehr beurteilt fühlt. Beides auf einmal.
Und dann, kurz vor Rapallo, plötzlich Villen die die blendende Sonne preisgibt. Überraschend und fast unverschämt schön, mit diesem Glanz der an den Comer See erinnert. Als hätte die Straße das lange zurückgehalten und es jetzt auf einmal hergegeben.
Rapallo selbst wirkt wie ein Auszug aus einem Film der Zwanziger. Die Fassaden in Grün und sanftem Ocker hauchen noch von alten Feiern, von Sektkelchen und Sommerabenden auf Terrassen, auf denen das Leben so selbstverständlich war wie das Licht. Das ist nicht Nostalgie. Das ist eine Stadt die ihre eigene Geschichte bewohnt, ohne zu veralten.
Portofino taucht überraschend auf in seiner Nische der Küste. Man fährt daran vorbei, schaut kurz rein, und versteht sofort warum die Welt es kennt und warum man trotzdem nicht bleiben will.
Camogli dagegen bringt einen zum Stutzen. Die hohen bunten Fassaden direkt am Wasser, die kleinen Boote, die Hafenmauern. Ist das die High Society der Küste, oder ist es das Gegenteil davon. Ein Ort der so selbstbewusst schön ist, dass er keinen Beweis mehr nötig hat. Während Karibu aus den Lautsprechern klingt zur goldenen Stunde über dem Meer.
Vielleicht ist das der Unterschied zu den Cinque Terre. Dort schlendern die Eingecrémten durch die Gassen, der Aperol Spritz leert sich fast von selbst in der Sonne der Promenaden-Restaurants, und auf den Wanderwegen zwischen den Dörfern — idyllisch, unbestreitbar, in allen Höhen und Tiefen — begegnet man allen möglichen Sprachen und Generationszusammensetzungen, die alle dasselbe suchen und es auch finden und es genauso dokumentieren.
Hier auf der Riviera di Levante lebt noch etwas anderes. Nicht unberührt, nicht unentdeckt, aber irgendwie noch bei sich. Der Alltag ist noch sichtbar zwischen den Fassaden. Die Läden sind nicht nur für Touristen. Die Kaffeebars riechen nach echtem Morgen.
Man fährt durch auf vier Rädern oder zwei, und fühlt, dass die Welt noch etwas älter ist als die Saison.




















zwischen Wäsche und Marmor.
Genua verdichtet sich im Stilbruch. Die Stadt ist kein einzelner Gedanke. Es ist übereinander gelegte Städte, ohne Rücksicht auf Harmonie. Toskanische Gassen, die sich winden und durch das Herz der Stadt schmiegen. Barockfassaden, die sich auftürmen in der eigenen Schönheit. Arkaden, die sich wie Madrid anfühlen. Fensterläden und runde kleine Balkone, die Frankreich hauchen. Und dann wieder diese mittelalterliche Enge, die Siena sein könnte, aber rauer ist, salziger, weniger romantisch.
Wo die Gassen atmen und der Wein keine Eile kennt.
Laufend durch caruggi, die engen, dunklen Gassen, in denen Wäsche hängt und Heiligenfiguren in Nischen stehen. In der eigenen Energie gewachsen. Ungeplant ein Ganzes ergebend. Elemente aus verblichener Farbe und konkretem Stein. Um die Ecke die Via Garibaldi. Breit. Hell. Renaissance-Paläste, die in den Himmel ragen. UNESCO-Weltkulturerbe. Der Reichtum der Seerepublik, die einmal eine der mächtigsten der Welt war. Sie haben keine Entsprechung. Sie sind vollständig in ihrer genuesischen Präsenz.
Vielleicht ist die Frage nach dem richtigen Stil die Falsche. Vielleicht ist der Stil eine Suche nach dem Bruch. Die Unentschiedenheit. Das Nebeneinandersein ohne Erklärung.
Die schwarz-weiß gestreifte Kathedrale steht mittendrin. Ligurisch-romanische Gotik. Ein Stil, den es nur hier gibt, in Ligurien, vereinzelt in der Toskana. Gedanken schweifen nach Florenz. Nirgendwo sonst. Drinnen vereinheitlicht im Gesang und klingenden Orgelspiel. Klang, der sich an die kühlen Marmorwände legt wie Licht. Während draußen die Stadt, die weitermacht. In Alltag gefangen.
Ein Innenhof gefüllt vom Plätschern des Brunnens. Stille. Säulen. Operngesang im Vorhof des Carlo Felice Theaters. Eine Nebenstraße von roter Putz, Neonschild, das Leben vor den Bars der Stadt.
Genua zeigt sich nicht. Genua lässt sich finden.
Die Köche stehen draußen vor der Hintertür der Trattoria und rauchen. In den Gassen. Lehnen an den Wänden, die Schürzen umgebunden, die graue Mütze thront auf dem Kopf, die Zigaretten klein zwischen den Fingern. Das Licht fällt schräg hinein. Die Stadt atmet dazwischen und riecht nach Urin.
Gläser auf den kleinen Tischen auf der Piazza im Nachmittagslicht. Die Weite dahinter. Ein fertiges Bild, das sich nicht inszeniert. Die Köche gehen zurück in ihre Küchen. Der Rauch der Zigaretten löst sich auf, aber glüht an den Tischen der Piazza weiter.
Vielleicht liegt die Schönheit dieser Stadt genau darin, dass sie sich nicht entscheidet. Dass sie alle ihre Schichten trägt, gleichzeitig, ohne Scham. Mittelalter, Renaissance, Barock, Verfall, Erneuerung. Alles auf einmal. Keine kuratierte Altstadt. Keine Strategie im Konzept. Keine Klarheit und Sauberkeit. Nur das, was war, und das, was ist.
Die Freiheit, nicht harmonisch sein zu müssen. Die Freiheit, widersprüchlich zu sein.
Die Stadt wartet nicht. Sie raucht ihre Zigarette zu Ende und geht zurück an die Arbeit.













angekommen.
Der Wein ist noch halb voll und hat es nicht eilig sich zu leeren. Besonnen und sorglos steht er ohne Anspruch zu nehmen. Es ist da und der Nachmittag sanft in der verblassenden Sonne. Das Geigenspiel begleitet das Treiben auf der Piazza und gemischt mit dem Singsang der italienischen Sprache. Nicht drängend, sondern begleitend. Aber dennoch fordernd im Klang. Angekommen. Angekommen in mir. Angekommen im wir. Angekommen auf vier Rädern die tragen. Angekommen im Zustand. Dem Zustand des Beobachtens, des Geschehenlassens, dem Präsentsein. Ein langsames Heineinfallen. Der Kopf von Verpflichtungen und Listen gefüllt. Von Ungewissheit und Vergessenhaben. Und dann, irgendwo zwischen der Autobahn und dem ersten Espresso auf italienischem Pflaster, fängt der Körper an zu glauben dass er wirklich hier ist
Vier Räder auf Achse. Drinnen wird zum Zuhause. Das Draußen wird zur Welt. Die Grenze zwischen beidem wird durchlässig wie Vorhangstoff im Wind. Und das Versprechen das hält.
Die Welt ist der Tag und der Tag wird zur Welt. Eine Verschiebung. Ein Einatmen der Zeit. Und der Wein schmeckt danach.
