Ich kann schwer sagen, wann ich gern höre. Es hat jedes Mal eine Einzigartigkeit und ist an den Moment gebunden, daran, wie er einen abholt, welche Klänge man wahrnimmt, ob man sich treiben lässt. So fing auch dieser Abend an, mit einem Ankommen, das zunächst kein Bild zuließ.
Montgomery, Starburst. Ein Abholen aus den Gedanken, direkt in der Höhe. Die Streicher kommen, fordern Präsenz, nicht zwingend, eher holend. Lauter kleine Bewegungen, Staccato, das eine Spannung schafft und sich fließend wieder löst, um sich später wiederzufinden, zwischen dem Gleiten der übrigen Streicher. Ein Wegrennen und Fliehen, gefolgt von einer Umarmung. Distanz und Nähe streifen sich immerzu. Drei Minuten, in denen das Licht auseinanderbricht und sich zerstreut, und ich noch kein Bild halten kann, nur sein Tempo.
Dann Brahms, und mit ihm die romantische Illusion, in die man gleiten darf, in einer Ruhe. Ein frisches Weidefeld. Vom Tau genässte Grashalme. Eine Sonne, die langsam über dem Fluss aufsteigt. Ein Flussreiher spannt die Flügel und fliegt los, die Füße noch spurenweise im Wasser, sodass sich Kreise auf der Oberfläche bilden. Blätter, die im Wind wehen. Viel Zartheit. Die Oboen sind die großen gleitenden Vögel, die Klarinette etwas Hüpfendes, Helles, die Querflöte kleine Vögel, die sich von den Ästen erheben. Im zweiten Satz bekommt nicht die Solovioline die schönste Linie, sondern die Oboe, und ich höre, ohne es zu wissen, genau auf die Stelle, über die man seit hundertfünfzig Jahren spricht. Eine zarte Herbststimmung mit Tönen des Frühlingserwachens. Es überrascht mich, wie gut mir das gefällt.
Holst, und plötzlich das Pompöse. Die Trompeten bringen etwas Filmisches herein, etwas Königliches, etwas Witz. Ich muss an John Williams denken, an das Fantastische der Filmwelt, und liege damit nicht falsch, denn von hier hat das Kino seine Drohung und seinen Glanz. Crescendo und Staccato im Wechsel, aber fließend ineinander, das Ablösen der Crescendi nicht kantig, sondern rund. Ein gespannter dramaturgischer Bogen, kurzer Atem und lange Klänge. Königlich ist der eine Satz, witzig der schnelle Bote, und über allem die Frage, wie laut ein Einzelner aus dem Ganzen heraustreten darf.
Und dann Neptun, der das Versprechen jedes Schlusses bricht. Es endet, ist aber nicht leer. Lässt kein Bild zu. Ist nur da, um zu verschwinden, langsam, sich auflösend. Kein Tuch, kein Hauch, ein Zurückziehen. Vielleicht eine leichte Nebelschwade, aber die würde den Klängen nicht gerecht. Davor ein Glitzern, wie in Kinderaugen, die neugierig in eine Kiste blicken. Eine tiefe Spannung, aufgelöst im Sanftmut, wie eine Mutter, die durch die Tür tritt und beruhigt. Wie das Augenreiben, das bei zu festem Reiben in das kippt, was ich als Kind mein großes blau graues Glitzergeschenk nannte. Dann treibt es davon, Stück für Stück. Holst lässt die Frauenstimmen hinter der Bühne so lange singen, bis der Klang sich in der Ferne verliert. Es gibt keinen Schlussakkord, auf den man klatschen könnte. Also klatscht niemand. Eine Stille, die kein Zuschauer zu brechen vermochte. Eine Irritation. Eine Ruhe. Eine Faszination für das Geschaffene, aufgelöst in der Stille und in der Emotion, die die Stimmen erweckten.
Erst danach verstehe ich, warum gerade dieses Ende mich genommen hat. Den ganzen Abend habe ich auf die Instrumente gehört, die klingen wie ein Mensch, der spricht. Oboe, Horn, Cello, die Wärme, das Erdende, das Ruhestiftende, das gleitet. Ich habe selbst immer gern gesungen, im Chor, und trotzdem nie gewusst, dass die Stimme meine Mitte ist. Holst beendet den Abend nicht, er nimmt ihn weg, und was bleibt, sind Stimmen, die verschwinden. Das eine Stück, das mir kein Bild gibt, gibt mir das Bild von mir selbst. Ich kann noch immer schwer sagen, wann ich gern höre. Aber ich weiß jetzt, worauf.