Über das Umblättern

Das neue Jahr liegt da wie ein unbeschriebenes Blatt, das schon Spuren trägt. Ein Blatt nicht leer, sondern offen gefüllt zu werden. Die Tage sind noch kühl, das Licht gedimmt, und alles scheint sich langsam in Bewegung zu setzen. Wie ein Schauer der aus dem Nichts kommt und einen vereinnahmt. Ganz wellenartig. So als müsste sich die Welt erst wieder an sich selbst erinnern. Diese Zeit hat etwas Ehrliches. Nichts ist festgelegt, aber vieles möglich. 

Man hört Sätze über Menschen. Zwischen den Jahren, wenn Bilanz gezogen wird. Manchmal klingt es bewundernd, manchmal wie eine Feststellung, manchmal wie ein leiser Vorwurf. Und irgendwo dazwischen bleibt die Frage hängen, was diese Worte eigentlich bedeuten, wenn man sie nicht von außen betrachtet, sondern von innen fühlt.

Worte, die verändern. 

Macht. Andere Sätzen drehen Funken von Wunderkerzen in Flammen oder einschlagende Feuer. Von einem kleinen Zündeln zu einem erheblichen Nachbeben. Eines, das erschüttert, verwundert, den Kopf schütteln lässt, und die Sichtweise beschränkt. Beschränkt auf das Emotionale und die gleichzeitige Abwägung an Sinnhaftigkeit und System. Das Testen der eigenen Grenzen was zu akzeptieren gilt und wo das eigene Wertesystem greift. Wo der Zorn die Emotionalität am Kragen packt und sich auf den Körper überträgt. Ein Schauer, der zu einem ganzheitlichen Schütteln wird. Vom eigenen Schütteln zum Wunsch des Wachrüttelns anderer aus den Dämmerschlaf zwischen den Jahren. 

Stärke. Stärke als Schutz oder als Erzeuger von Müdigkeit. Ist sie etwas, das man wählt – oder etwas, das man sich aneignet, weil es nötig war. Vielleicht ist Stärke oft nichts anderes als das Bleiben, wenn man längst hätte gehen können. Oder das Gehen, wenn Bleiben sich selbst verraten würde.

Sturheit. Ein Wort, das schnell fällt. Vielleicht ist sie nur der Versuch, sich nicht zu verlieren, wenn die Welt zieht. Vielleicht ist sie ein Nein, das gelernt hat, sich nicht mehr zu entschuldigen. Und vielleicht trägt sie immer auch die Angst in sich, zu viel zu sein.

Unabhängigkeit. Klingt leicht, fast frei. Aber sie hat Gewicht. Sie bedeutet Entscheidungen, die niemand abnimmt. Wege, die man allein beginnt, auch wenn man sie nicht allein gehen möchte. Unabhängigkekt ist nicht immer Bewegung, sondern heißt auch zu bleiben. Wach bleiben. Fühlen. Freiheit ist selten romantisch. Meist ist sie still, manchmal einsam, oft notwendig. Aber zu oft ungelebt, wenn sie allzeit umgibt. Fast vergessen und ungenutzt, wenn sie zur Selbstverständlichkeit wird. Loslaufen ins Ungewisse wäre für viele möglich – theoretisch. Sie ist kein universelles Versprechen, sondern vielmehr ein Privileg, das nicht allen gleichermaßen zusteht. Es bleibt Dankbarkeit zurück. Für jede Bewegung, jede Entscheidung, jeden Moment von Selbstbestimmung.

Schönheit. Vielleicht liegt sie gar nicht im Glatten, sondern im Gelebten. In Linien, die vom Denken kommen, nicht vom Lächeln. In Blicken, die direkt sind, weil Umwege zu anstrengend geworden sind. Ehrlichkeit hat eine eigene Ästhetik – nicht laut, aber klar.

Direktheit. Oftmals als Kälte gelesen. Dabei ist sie manchmal nur der Mut, nicht zu verschleiern, was ohnehin im Raum steht. Wahrheit braucht keine Härte, nur Standfestigkeit. Und vielleicht ist genau das Wachstum dieses Jahres: Worte nicht schärfer zu machen, sondern wahrer.

Zwischen Hoffnung und Melancholie entsteht ein neuer Anfang. Nicht euphorisch, sondern wach. Nicht frei von Zweifel, aber voller Richtung. Die Leichtigkeit kommt nicht vom Loslassen allein, sondern vom Vertrauen, dass man tragen kann, was bleibt.

Vielleicht geht es in diesem Jahr weniger darum, jemand Bestimmtes zu sein, und mehr darum, sich nicht weiter zu entfernen von dem, was sich richtig anfühlt.

Nicht stärker werden, sondern aufrechter.

Nicht unabhängiger, sondern bewusster.

Nicht schöner, sondern ehrlicher.

Das neue Jahr fragt nicht nach Etiketten. Es fragt nach Bewegung, nach Wandel, nach dem Mut, weich zu bleiben, wo man hart sein könnte – und klar, wo Unschärfe nur schützt.

Und vielleicht ist genau das genug für einen Anfang.

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Zwischen den Jahren

Die frostbelegten Straßen sind stiller geworden. In den Fenstern der Stadt glimmt noch das Nachweihnachtslicht. Kerzen flimmern noch auf Stabskerzen in den Wohnzimmern. Die Stadt liegt still unter dem winterlichen Himmel. Die Tram fährt mit den wohlbekannten knatternden Klängen los. Ein Schimmern des nassen Teers von den blauen Lichtern und Farben. Es hallt das Intro von U2’s „The One“ entgegen und man überlegt sich Geschichten zu den vorbeilaufenden Personen. Wie jede diese Weihnachtszeit verbracht und gefühlt hat. Sind es tiefe Atemzüge oder vielmehr ein flüchtiger Atem in der kalten Luft. Mit einer Tasse Tee zwischen den Händen blicke ich vom Balkon und spüre ich diese ganz eigene Zeit zwischen den Jahren. Das Weihnachtsgefühl liegt noch in der Luft, eine leise Wärme, die sich mit der Melancholie des Abschieds mischt – vom alten Jahr, von den Orten, von Momenten, die vorbeigezogen sind, wie ein Zug, den man gerade verpasst. Aber diese Zwischenzeit hat etwas Beruhigendes: Sie erlaubt Nachdenklichkeit, kleine Rückblicke, Atempausen zwischen der Intensität der Welt und der leisen Erwartung auf das, was kommen wird. Eine Zwischenzeit, in der alles nachklingt und gleichzeitig die ungeschriebenen Tage vor mir leise flüstern. Ein Raum zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht.  Zwischen Nachklang und Erwartung.

Die Zeit in der Weihnachtsfilme leicht naiv und beschönigend die Welt und Liebe dargestellen. Die einladen in eine tiefe emotionale Stimmung zu tauchen. Wenig hinterfragend. Sich einfach gleiten und eindecken lassen in das wohlige Gefühl an kalten dunklen Tagen. Nicht hinterfragend, wie viele Personen gleichzeitig versuchen die Realität für ein paar Stunden zu vergessen. Abzutauchen in eine Traumvorstellung umrahmt von grünen Hügeln, kleinen englischen Cottages oder von den nassen Straßen Londons. Wenn Probleme am Ende gelöst erscheinen. Wenn der nächste Tag nicht zählt, sondern nur die präsenten Momente. Und sie drehen sich um, nur um zu erkennen, dass der morgige Tag vor der Tür steht. Ein langer Atemzug, der den Moment voll auskosten soll und das Stehenbleiben anregt.

Dieses Jahr war ein langer Atemzug, getragen von der Welt und ihren Stimmen. Ein Jahr das Grenzen testete, Beziehungen neu bewertete. Ein Jahr zwischen Bewegung, Reflexion, und Innehalten. Vor allem begleitet von einem Nach-Innen-Hören. Ein Blick nach Innen gespiegelt vom Außen. Ein Jahr das Energie kostete und dennoch viel Energie spendete. Eine endlose Landkarte aus Begegnungen, Landschaften und Momenten, die sich tief eingeprägt haben. Starbucks Arbeitsdresscode in Washington DC voller geschichtlicher Straßen, alt bekannte Gesichter und Geschichten in New York – wo die Entfernung zwischen Menschen plötzlich vertraut wurde. Die vielen Farben Mexiko-Stadts, die smaragdgrüne Pazifikküste, die geheimnisvollen Tiefen von Chiapas, Südtirol auf zwei Rädern, die Weite der Atlantikküste von Biarritz bis San Sebastián, die stille und dennoch energieziehende Wüste von Al Ula, Gespräche in Athen, Sonne tankend in Johannesburg und Kapstadt, und bewegend zwischen Berlin und München. Jeder Ort ein eigener Puls, ein eigener Rhythmus. Mal wild, mal still, mal berauschend, mal erschöpfend. Und überall waren Menschen, flüchtig oder intensiv, deren Lachen und Gespräche in Gedanken nachhallen, kleine Funken, die alles leichter machen, auch wenn man längst weitergezogen ist. Manchmal flüchtig, manchmal tief wie alte Flüsse. Gespräche, die Gedanken in neue Richtungen lenken, stille Momente, die nach innen führen.

Jede Reise, jede Stadt, jeder Mensch hat Energie gegeben und genommen, hat mich gelehrt, aufmerksam zu sein, das Tempo zu fühlen, die Balance zwischen Staunen und Müdigkeit zu finden. Und nun, zwischen den Jahren, scheint all das gleichzeitig nah und fern: Erinnerungen glimmen im Kopf wie kleine Lichter, während die Stille draußen sich ausbreitet und alles andere in den Hintergrund tritt. Es fühlt sich alles gleichzeitig vergangen und möglich an. Die Welt fließt draußen weiter. 

Und so atme ich die Mischung aus Dankbarkeit, Melancholie, und Vorfreude ein, während die Welt draußen weiterschläft. Das Licht der Straßenlaternen, das auf den Himmel trifft, um zwischen den Jahren noch einmal aufzublitzen, um dann langsam in das neue Jahr überzugehen. Reich an Begegnungen, Gedanken und Momenten, die bleiben, so wie dieses stille Glimmen, das in der Zwischenzeit noch lange nachklingt. Die Lichter der Stadt, die Dächer, die kahlen Bäume – alles wirkt wie ein zögerndes Versprechen, dass noch etwas wartet, noch etwas kommen wird. Und in dieser Zwischenzeit ist Platz für Nachdenklichkeit, für leise Dankbarkeit, für Sehnsucht nach Orten und Momenten, die bleiben, selbst wenn man schon weitergezogen ist. Ein Licht, das noch lange glimmt, wenn die Welt draußen schon schläft.

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