Ms. Brightside

Es gibt Menschen, die das Licht nicht suchen, sondern tragen. Ungefragt. Als wäre es Pflicht und nicht Gabe. Als hätte jemand entschieden, noch bevor sie entscheiden konnten, dass ihre Aufgabe das Erhellen ist und nicht das Erhelltwerden.

Sie hatte sich angewöhnt, das Postfach alle halbe Stunde zu öffnen. Nicht aus Hoffnung, eher aus Gewohnheit. Sie wartete nicht. Warten setzt Hoffnung voraus, und Hoffnung setzt voraus, dass man glaubt, gemeint zu sein. Sie aktualisierte. Eine mechanische Geste. Die Nachricht, auf die sie wartete, hatte kein Gesicht mehr. Nur eine Form, um gesehen zu werden.

Was sie nicht aussprach, war, dass sie manchmal nach Hause kam und das Schweigen lauter war als der Tag davor. Dass sie den Duft von Sauvage von Dior täglich auf ihrem Kopfkissen vermisste. Seinen Kopf neben ihr zu den ersten Sonnenstrahlen.

Sie fragte sich, ob er sie auch vermisste. Das Wir, das sie waren. Das Wir voller Lachen im Bauch. Tanzend im Regen. Das Wir eng umschlungen in der Gasse aus Pflastersteinen. Das Wir im Meer der Sonnenblumen. Das Wir. Das Er. Sie. Und was davon blieb. Bis zum Endpunkt, den sie beide gespürt hatten. Eine kühle Brise, die nach den sonnengewärmten Zeiten andauerte. Das Wir war kein Wir mehr. Sie durften kein Wir mehr bleiben. Geformt von der Welt um sie. Eine Form, die ihre Esstischgespräche änderte. Er wollte nicht mehr wissen, wie der Tag gewesen war. Sie war zu müde, um sich ihm zu erklären. Sie konnten sich nicht mehr ohne Worte verständigen.

Die Nachricht war halb geschrieben. Sie schickte sie nicht ab. Sie fragte sich, wer sie ohne das Wir sein würden. Sein könnten. Sein durften. Sie bereuten nicht die Zeit miteinander.

Der Blick, der alles aussprach, wofür die Worte zu langsam waren. Er hatte es ausgesprochen, und die Worte waren schneller als die Laute. Er meinte, es liege an ihm. Sie sah den Blick einer anderen Frau in seinem. Der Blick für sie war längst verschwunden.

Die Philosophen haben viel geschrieben über das Gesehenwerden. Hegel brauchte den Anderen, um sich selbst zu werden. Sartre fürchtete ihn. Simone Weil schrieb, Aufmerksamkeit sei die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit. Was keiner von ihnen schrieb, war, wie es sich anfühlt, wenn die Aufmerksamkeit kommt und wieder geht. Wenn der Blick landet und dann wegschaut. Wenn jemand für einen Moment wirklich sieht und dann so tut, als hätte er nichts gesehen.

Kein Schmerz, sondern ein Zwischenraum. Ein Zustand, der sich in keine Zeitform gießen lässt. Nicht Vergangenheit, weil er noch sitzt. Nicht Gegenwart, weil er sich nicht benennen lässt. Nicht Zukunft, weil sie nicht weiß, ob sie darauf hofft oder davor flieht.

Ms. Brightside. Sie hatte den Namen nicht gewählt. Eine Richtung, die sie vorgab einzuschlagen, damit niemand merkt, dass sie stand.

Die Nacht war jung gewesen. Der nächste Morgen von ihrem Grinsen begleitet über etwas, das vielleicht nichts war. Oder alles. Ein Bauchgefühl, kurz, intensiv, um dann zu schweigen. Es ließ sie mit der Frage zurück, ob Empfinden Beweis ist oder nur Echo.

Vielleicht ist Ms. Brightside keine Person. Vielleicht ist sie ein Aggregatzustand. Das, was entsteht, wenn jemand oft genug das Licht für andere gehalten hat, bis sie vergessen hat, dass sie selbst auch manchmal im Dunkeln steht.

Und trotzdem. Irgendwann, dachte sie, würde jemand kommen, der sich traut. Der nicht wartet, bis sie nicht mehr hinschaut.

Bis dahin öffnete sie das Postfach. Nicht aus Hoffnung. Aus Gewohnheit.

Zumindest die meiste Zeit.

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