Die Nähe, die bleibt

Im Flur steht eine leere Box. Offen, die Klappen nach oben gestellt wie Hände, die auf etwas warten. Durch das Fenster zieht eine kühle Brise, und ein oranges Blatt landet auf dem Sims. Der Herbst kommt herein mit seiner ganzen Schwere. Die Scheiben brechen das Licht in kleine Splitter, und ich merke, dass ich lange nicht mehr hingesehen habe.

Ich hatte mir vorgenommen, dass dieses Mal alles anders wird. Und doch bewege ich mich im Kreis. Dieselben Muster, dieselbe Art zu sprechen und zu schweigen.

Ich sehne mich nach dem Sommer. Der hellen Sonne, die nicht untergeht. Nach Kleidern und Sandalen, nach dem Seeufer, an dem uns nur Grashalme trennten und wir in einen blauen, wolkenlosen Himmel sahen, der nichts von uns wollte. Ein Glas Wein, das endlos schien. Gespräche über das Leben und mögliche Reisen, ein Lachen, das bis in die Bauchmuskeln reichte. Damals wirkte die Welt weit. Du hattest Geschichten zu erzählen und fragtest, wie es mir ging.

Jetzt fragst du nicht mehr. Drei Punkte erscheinen auf dem Bildschirm, tanzen kurz und verschwinden. Kein Text. Manche Verbindungen enden in einem Schweigen, das mehr sagt, als Worte es könnten.

Der Oktober vermischt alles Schwere. Der Himmel ist mit grauen Wolken bedeckt. Die Art von Wolken, die in ihrer Formation faszinieren, aber auf den Sturm hinweisen. Ein Neustart in einer Sprache, die ich noch lerne. Zwei Welten, die ich beide zu fest halte und denen ich nicht gerecht werde. Ein Laptop, der zu oft um Mitternacht zugeklappt wird. Mehr schaffen zu wollen macht mich kleiner. Manche Umarmung bleibt aus, und neue Gesichter blicken mich interessiert an, während ich die vertrauten nicht mehr finde.

Am Morgen fällt das Licht schräg in den Flur. Herbstlicht, tief und goldbraun. Es steht an anderen Stellen als im Sommer. Füllt nicht mehr jede Ecke, aber gelangt immer dorthin, wo Türen offen stehen. Ich sehe zu, wie es langsam über das helle Parkett gleitet. Es erreicht die Box, streift ihren Rand und fließt weiter. Die Tür zum Bad steht offen, dort legt es sich auf die Wand. Auf der anderen Seite lehnt die Tür zum Schlafzimmer an. Der Lichtkegel bleibt auf der Schwelle liegen. Als ob er um eine Einladung bittet.

Und ich begreife, was ich lange für eine Frage der Entfernung hielt. Das Licht fragt nicht, wie weit ein Raum entfernt ist. Es fragt, ob die Tür offen steht. Mit Menschen ist es nicht anders. Es gibt jene, die einen Ozean entfernt leben und trotzdem da sind, wenn ein Gedanke noch keinen Satz gefunden hat. Es gibt jene, die im selben Wohnzimmer sitzen und weiter weg sind als jede Zeitzone. Und es gibt die, die so nah sind wie das Zimmer selbst. Bei ihnen stehen die Türen stets offen. Ihre Nähe wärmt, ohne etwas zu verlangen. Sie belehrt und versucht doch zu verstehen. Sie fragt, ermuntert, stützt. Vielleicht erklärt genau das die Zuwendung. Sie füllt den Raum nicht, sondern macht ihn bewohnbar. Wie das Licht im Oktober, das nicht mehr brennt und gerade deshalb so gut auf der Haut liegt. 

Ich stehe im Flur. Die leere Box steht offen da, bereit, geschlossen zu werden. Daneben steht eine Lattenkiste aus hellem Holz, durch deren Streben man nur erahnt, was darin liegt. Die Kiste hat sich gefüllt, während ich Pläne machte. Gefüllt mit Ungeklärtem und Unerwartetem, mit allem, was kommt, wenn man aufhört zu rudern und sich vom Strom tragen lässt. Ich lasse sie zu. Noch. Ich muss nicht wissen, was darin liegt, um sie mitzunehmen.

Die leere Box wartet. Soe steht reglos da. Die volle Kiste auch. Auf keiner der beiden steht dein Name. Das Licht tanzt sanft über Box und Kiste. Es macht keinen Unterschied zwischen der, die wartet, und der, die schon voll ist.

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